II-II, q. 136 a. 4
Ob die Geduld ein Teil der Tapferkeit ist?
Quaestio 136 · Von der Geduld
Einwand 1: Es scheint, dass die Geduld kein Teil der Tapferkeit ist. Denn ein Ding ist nicht Teil seiner selbst. Nun ist die Geduld anscheinend dasselbe wie die Tapferkeit: weil, wie oben ausgeführt (Frage [123], Artikel [6]), der eigentliche Akt der Tapferkeit das Erdulden ist; und dies kommt auch der Geduld zu. Denn es heißt im Liber Sententiarum Prosperi [*Das Zitat stammt von St. Gregor, Hom. xxxv in Evang.], dass „Geduld darin besteht, von anderen zugefügte Übel zu erdulden“. Also ist die Geduld kein Teil der Tapferkeit.
Einwand 2: Ferner bezieht sich die Tapferkeit auf Furcht und Wagemut, wie oben ausgeführt (Frage [123], Artikel [3]), und ist somit im Zornvermögen [Irascible]. Aber die Geduld scheint sich auf die Traurigkeit zu beziehen und wäre folglich im Begehrungsvermögen [Concupiscible]. Also ist die Geduld kein Teil der Tapferkeit, sondern der Mäßigung.
Einwand 3: Ferner kann das Ganze nicht ohne seinen Teil sein. Wenn also die Geduld ein Teil der Tapferkeit ist, kann es keine Tapferkeit ohne Geduld geben. Doch bisweilen erduldet ein tapferer Mann Übel nicht geduldig, sondern greift sogar die Person an, die das Übel zufügt. Also ist die Geduld kein Teil der Tapferkeit.
Dagegen spricht, dass Tullius (De Invent. Rhet. ii) sie zu einem Teil der Tapferkeit rechnet.
Ich antworte darauf, dass die Geduld ein quasi-potentieller Teil der Tapferkeit ist, weil sie ihr als dem Sekundären zum Hauptsächlichen angegliedert ist. Denn es gehört zur Geduld, „mit gleichmütigem Geiste die von anderen zugefügten Übel zu erleiden“, wie Gregor in einer Homilie (xxxv in Evang.) sagt. Nun sind unter jenen Übeln, die von anderen zugefügt werden, die vordersten und am schwierigsten zu ertragenden jene, die mit der Todesgefahr verbunden sind, und mit diesen Übeln befasst sich die Tapferkeit. Daher ist es klar, dass in dieser Materie die Tapferkeit den ersten Platz einnimmt und dass sie Anspruch auf das erhebt, was in dieser Materie das Hauptsächliche ist. Weshalb die Geduld der Tapferkeit als dem Sekundären zum Hauptsächlichen angegliedert ist, aus welchem Grund Prosper die Geduld tapfer nennt (Sent. 811).
Antwort auf Einwand 1: Zur Tapferkeit gehört es zu erdulden, freilich nicht irgendetwas, sondern das, was am schwierigsten zu erdulden ist, nämlich Todesgefahren: wohingegen es zur Geduld gehören kann, jede Art von Übel zu erdulden.
Antwort auf Einwand 2: Der Akt der Tapferkeit besteht nicht nur darin, am Guten festzuhalten gegen die Furcht vor zukünftigen Gefahren, sondern auch darin, nicht durch Traurigkeit oder Schmerz zu versagen, die durch gegenwärtige Dinge veranlasst sind; und in letzterer Hinsicht ist die Geduld der Tapferkeit verwandt. Doch bezieht sich die Tapferkeit hauptsächlich auf die Furcht, die an sich die Flucht hervorruft, welche die Tapferkeit vermeidet; während sich die Geduld hauptsächlich auf die Traurigkeit bezieht, denn ein Mensch wird geduldig genannt, nicht weil er nicht flieht, sondern weil er sich auf lobenswerte Weise verhält, indem er Dinge erleidet [patiendo], die ihn hier und jetzt schmerzen, dergestalt, dass er durch sie nicht ungeordnet betrübt wird. Daher ist die Tapferkeit eigentlich im Zornvermögen, während die Geduld im Begehrungsvermögen ist.
Dies hindert die Geduld auch nicht daran, ein Teil der Tapferkeit zu sein, weil die Angliederung von Tugend an Tugend nicht das Subjekt betrifft, sondern die Materie oder die Form. Dennoch ist die Geduld nicht als Teil der Mäßigung zu rechnen, obwohl beide im Begehrungsvermögen sind, weil die Mäßigung nur jene Traurigkeiten betrifft, die den Tastgenüssen entgegengesetzt sind, wie sie durch Enthaltsamkeit von Speise- und Geschlechtsgenüssen entstehen: wohingegen die Geduld hauptsächlich Traurigkeiten betrifft, die von anderen Personen zugefügt werden. Zudem gehört es zur Mäßigung, diese Traurigkeiten neben ihren gegenteiligen Genüssen zu beherrschen: wohingegen es zur Geduld gehört, dass ein Mensch das Gut der Tugend nicht wegen derartiger Traurigkeiten verlasse, wie groß sie auch seien.
Antwort auf Einwand 3: Es kann zugegeben werden, dass die Geduld in gewisser Hinsicht ein integrierender Teil der Tapferkeit ist, wenn wir die Tatsache betrachten, dass ein Mensch Übel, die zu Todesgefahren gehören, geduldig ertragen mag; und von diesem Gesichtspunkt aus argumentiert der Einwand. Auch ist es mit der Geduld nicht unvereinbar, dass ein Mensch, wenn nötig, sich gegen den Mann erhebt, der ihm Übel zufügt; denn Chrysostomus [*Homilie v. im Opus Imperfectum, fälschlich dem Hl. Johannes Chrysostomus zugeschrieben] sagt zu Mt. 4,10, „Weiche, Satan“, dass „es lobenswert ist, unter unserem eigenen Unrecht geduldig zu sein, aber Gottes Unrecht geduldig zu ertragen, ist höchst frevelhaft“: und Augustinus sagt in einem Brief an Marcellinus (Ep. cxxxviii), dass „die Gebote der Geduld dem Wohl des Gemeinwesens nicht entgegenstehen, da wir, um dieses Wohl zu sichern, gegen unsere Feinde kämpfen.“ Aber insofern die Geduld alle Arten von Übeln betrachtet, ist sie der Tapferkeit als dem Sekundären zum Hauptsächlichen angegliedert.