II-II, q. 136 a. 2
Ob die Geduld die größte der Tugenden ist?
Quaestio 136 · Von der Geduld
Einwand 1: Es scheint, dass die Geduld die größte der Tugenden ist. Denn in jeder Gattung ist das Vollkommene das Größte. Nun hat „die Geduld ein vollkommenes Werk“ (Jakobus 1,4). Also ist die Geduld die größte der Tugenden.
Einwand 2: Ferner sind alle Tugenden auf das Gut der Seele hingeordnet. Dies scheint nun hauptsächlich der Geduld zuzukommen; denn es steht geschrieben (Lk. 21,19): „In eurer Geduld werdet ihr eure Seelen besitzen.“ Also ist die Geduld die größte der Tugenden.
Einwand 3: Ferner scheint das, was Schutz und Ursache anderer Dinge ist, größer zu sein als diese. Aber gemäß Gregor (Hom. xxxv in Evang.) ist „die Geduld die Wurzel und Wächterin aller Tugenden“. Also ist die Geduld die größte der Tugenden.
Dagegen spricht, dass sie nicht unter den vier Tugenden gerechnet wird, die Gregor (Moral. xxii) und Augustinus (De Morib. Eccl. xv) die hauptsächlichen nennen.
Ich antworte darauf, dass Tugenden ihrem Wesen nach auf das Gute hingeordnet sind. Denn es ist die Tugend, die „ihren Besitzer gut macht und dessen Werk gut macht“ (Ethic. ii, 6). Daher folgt, dass die Überlegenheit und das Vorherrschen einer Tugend über andere Tugenden umso größer ist, je wirksamer und direkter sie den Menschen zum Guten neigt. Nun neigen jene Tugenden, die das Gute bewirken, den Menschen direkter zum Guten als jene, die ein Hemmnis für die Dinge sind, die den Menschen vom Guten wegführen: und so wie unter jenen, die das Gute bewirken, diejenige größer ist, die den Menschen in einem größeren Gut festigt (so sind Glaube, Hoffnung und Liebe größer als Klugheit und Gerechtigkeit); so ist auch unter jenen, die ein Hemmnis für Dinge sind, die den Menschen vom Guten abziehen, diejenige Tugend die größere, die ein Hemmnis für ein größeres Hindernis zum Guten ist. Aber Todesgefahren, auf die sich die Tapferkeit bezieht, und Tastgenüsse, mit denen sich die Mäßigung befasst, ziehen den Menschen mehr vom Guten ab als irgendeine Art von Mühsal, welche der Gegenstand der Geduld ist. Daher ist die Geduld nicht die größte der Tugenden, sondern steht nicht nur hinter den theologischen Tugenden und der Klugheit und Gerechtigkeit zurück, die den Menschen direkt im Guten festigen, sondern auch hinter der Tapferkeit und Mäßigung, die ihn von größeren Hindernissen zum Guten abziehen.
Antwort auf Einwand 1: Von der Geduld wird gesagt, sie habe ein vollkommenes Werk im Ertragen von Mühsal: denn diese ruft erstens Traurigkeit hervor, welche durch Geduld gemäßigt wird; zweitens Zorn, welcher durch Sanftmut gemäßigt wird; drittens Hass, welchen die Liebe entfernt; viertens ungerechte Verletzung, welche die Gerechtigkeit verbietet. Nun ist das, was das Prinzip entfernt, das Vollkommenste.
Doch folgt daraus nicht, wenn die Geduld in dieser Hinsicht vollkommener ist, dass sie schlechthin vollkommener ist.
Antwort auf Einwand 2: Besitz bezeichnet ungestörtes Eigentum; weshalb vom Menschen gesagt wird, er besitze seine Seele durch Geduld, insofern sie die Leidenschaften an der Wurzel entfernt, die durch Mühsal hervorgerufen werden und die Seele verwirren.
Antwort auf Einwand 3: Die Geduld wird Wurzel und Wächterin aller Tugenden genannt, nicht als ob sie diese direkt verursachte und erhielte, sondern lediglich, weil sie deren Hindernisse entfernt.