II-II, q. 125 a. 1
Ob die Furcht Sünde ist?
Quaestio 125 · Von der Furcht
Einwand 1: Es scheint, dass die Furcht keine Sünde ist. Denn die Furcht ist eine Leidenschaft, wie oben dargelegt wurde (FS, Frage [23], Artikel [4]; Frage [42]). Nun werden wir wegen der Leidenschaften weder gelobt noch getadelt, wie es in Ethic. ii heißt. Da also jede Sünde tadelnswert ist, scheint die Furcht keine Sünde zu sein.
Einwand 2: Ferner ist nichts, was im göttlichen Gesetz geboten wird, Sünde; denn das „Gesetz des Herrn ist makellos“ (Ps 18,8). Doch wird die Furcht im Gesetz Gottes geboten, denn es steht geschrieben (Eph 6,5): „Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern.“ Daher ist die Furcht keine Sünde.
Einwand 3: Ferner ist nichts, was dem Menschen von Natur aus innewohnt, Sünde; denn die Sünde ist wider die Natur, gemäß Damascenus (De Fide Orth. iii). Nun ist die Furcht dem Menschen natürlich; weshalb der Philosoph sagt (Ethic. iii, 7), dass „ein Mensch wahnsinnig oder schmerzunempfindlich wäre, wenn ihm nichts, nicht einmal Erdbeben oder Überschwemmungen, Furcht einflößte.“ Daher ist die Furcht keine Sünde.
Dagegen spricht, dass unser Herr sagte (Mt 10,28): „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten“, und es steht geschrieben (Ez 2,6): „Fürchte dich nicht und hab keine Angst vor ihren Worten.“
Ich antworte darauf: Ein menschlicher Akt wird als Sünde bezeichnet, weil er ungeordnet ist; denn das Gute eines menschlichen Aktes besteht in der Ordnung, wie oben dargelegt (Frage [109], Artikel [2]; Frage [114], Artikel [1]). Nun verlangt diese geschuldete Ordnung, dass das Begehren der Regel der Vernunft unterworfen sei. Und die Vernunft schreibt vor, dass bestimmte Dinge gemieden und andere angestrebt werden sollen. Unter den Dingen, die zu meiden sind, schreibt sie vor, dass einige mehr gemieden werden sollen als andere; und unter den Dingen, die anzustreben sind, dass einige mehr angestrebt werden sollen als andere. Zudem ist das entgegengesetzte Übel umso mehr zu meiden, je mehr ein Gut anzustreben ist. Daraus folgt, dass die Vernunft vorschreibt, dass bestimmte Güter mehr anzustreben sind, als bestimmte Übel zu vermeiden sind. Wenn dementsprechend das Begehren dasjenige flieht, was die Vernunft zu ertragen befiehlt, um nicht andere Güter zu verlieren, die man eher anstreben sollte, so ist die Furcht ungeordnet und sündhaft. Wenn andererseits das Begehren sich fürchtet, um so das zu meiden, was die Vernunft zu meiden verlangt, ist das Begehren weder ungeordnet noch sündhaft.
Antwort auf Einwand 1: Die Furcht bezeichnet in ihrer allgemeinen Bedeutung das Meiden im Allgemeinen. Daher schließt sie auf diese Weise nicht den Begriff des Guten oder Bösen ein; und dasselbe gilt für jede andere Leidenschaft. Deshalb sagt der Philosoph, dass Leidenschaften weder Lob noch Tadel verlangen, weil wir nämlich jene, die zornig sind oder sich fürchten, weder loben noch tadeln, sondern nur jene, die sich dabei auf geordnete oder ungeordnete Weise verhalten.
Antwort auf Einwand 2: Die Furcht, die der Apostel einschärft, entspricht der Vernunft, dass nämlich die Diener fürchten sollen, in dem Dienst, den sie ihren Herren schulden, säumig zu sein.
Antwort auf Einwand 3: Die Vernunft schreibt vor, dass wir jene Übel meiden sollen, denen wir nicht widerstehen können und deren Ertragen uns nichts nützt. Daher liegt keine Sünde darin, sie zu fürchten.