II-II, q. 111 a. 4
Ob Heuchelei immer eine Todsünde ist?
Quaestio 111 · Von der Verstellung und der Heuchelei
Einwand 1: Es scheint, dass Heuchelei immer eine Todsünde ist. Denn Hieronymus sagt zu Jes 16,14: „Von zwei Übeln ist es geringer, offen zu sündigen, als Heiligkeit vorzutäuschen“: und eine Glosse zu Ijob 1,21 („Wie es dem Herrn gefallen hat“ usw.) sagt, dass „vorgetäuschte Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit ist, sondern eine doppelte Sünde“: und wiederum sagt eine Glosse zu Klgl 4,6 („Die Missetat ... meines Volkes ist größer geworden als die Sünde Sodoms“): „Er beklagt die Sünden der Seele, die in Heuchelei fällt, welche eine größere Missetat ist als die Sünde Sodoms.“ Nun sind die Sünden Sodoms Todsünden. Also ist Heuchelei immer eine Todsünde.
Einwand 2: Ferner sagt Gregor (Moral. xxxi, 8), dass Heuchler aus Bosheit sündigen. Aber dies ist höchst schwerwiegend, denn es gehört zur Sünde wider den Heiligen Geist. Also sündigt ein Heuchler immer tödlich.
Einwand 3: Ferner verdient niemand den Zorn Gottes und den Ausschluss von der Schau Gottes, außer aufgrund von Todsünde. Nun wird der Zorn Gottes durch Heuchelei verdient gemäß Ijob 36,13: „Heuchler und listige Menschen fordern den Zorn Gottes heraus“: und der Heuchler ist von der Schau Gottes ausgeschlossen, gemäß Ijob 13,16: „Kein Heuchler soll vor sein Angesicht kommen.“ Also ist Heuchelei immer eine Todsünde.
Dagegen spricht, dass Heuchelei Lügen durch die Tat ist, da sie eine Art von Verstellung ist. Aber es ist nicht immer eine Todsünde, durch die Tat zu lügen. Also ist auch nicht alle Heuchelei eine Todsünde.
Ferner ist die Absicht eines Heuchlers, gut zu erscheinen. Aber dies ist nicht gegen die Liebe. Also ist Heuchelei an sich keine Todsünde.
Ferner wird Heuchelei aus Ruhmsucht geboren, wie Gregor sagt (Moral. xxxi, 17). Aber Ruhmsucht ist nicht immer eine Todsünde. Also ist es auch die Heuchelei nicht.
Ich antworte darauf, Es gibt zwei Dinge in der Heuchelei: Mangel an Heiligkeit und Vortäuschung derselben. Wenn wir dementsprechend unter einem Heuchler eine Person verstehen, deren Absicht auf beides oben Genannte gerichtet ist, nämlich einen, der sich nicht darum kümmert, heilig zu sein, sondern nur so zu erscheinen (in welchem Sinne die Heilige Schrift den Begriff zu verwenden pflegt), so ist es offensichtlich, dass Heuchelei eine Todsünde ist: denn niemand ist gänzlich der Heiligkeit beraubt außer durch Todsünde. Wenn wir aber unter einem Heuchler jemanden verstehen, der beabsichtigt, Heiligkeit vorzutäuschen, die ihm durch Todsünde fehlt, dann ist, obwohl er in Todsünde ist, wodurch er der Heiligkeit beraubt ist, in seinem Fall die Verstellung selbst doch nicht immer eine Todsünde, sondern manchmal eine lässliche Sünde. Dies wird vom beabsichtigten Ziel abhängen; denn wenn dieses der Liebe zu Gott oder zu seinem Nächsten entgegensteht, wird es eine Todsünde sein: zum Beispiel, wenn er Heiligkeit vortäuschen würde, um falsche Lehre zu verbreiten, oder damit er eine kirchliche Würde erlange, obwohl unwürdig, oder damit er irgendein zeitliches Gut erlange, in dem er sein Ziel festsetzt. Wenn jedoch das beabsichtigte Ziel nicht gegen die Liebe ist, wird es eine lässliche Sünde sein, wie zum Beispiel, wenn ein Mensch Vergnügen an der Vortäuschung selbst findet: von einem solchen Menschen wird in Ethic. iv, 7 gesagt, dass „er eher eitel als böse zu sein scheint“; denn für die Verstellung gilt dasselbe wie für eine Lüge.
Es geschieht auch manchmal, dass ein Mensch die Vollkommenheit der Heiligkeit vortäuscht, die nicht notwendig für das Seelenheil ist. Eine Vortäuschung dieser Art ist weder immer eine Todsünde, noch ist sie immer mit Todsünde verbunden.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.