II-II, q. 111 a. 3
Ob Heuchelei der Tugend der Wahrheit entgegensteht?
Quaestio 111 · Von der Verstellung und der Heuchelei
Einwand 1: Es scheint, dass Heuchelei nicht der Tugend der Wahrheit entgegensteht. Denn bei der Verstellung oder Heuchelei gibt es ein Zeichen und eine bezeichnete Sache. Nun scheint sie in Bezug auf keines von beiden einer speziellen Tugend entgegengesetzt zu sein: denn ein Heuchler täuscht irgendeine Tugend vor, und zwar mittels irgendwelcher tugendhafter Taten, wie Fasten, Gebet und Almosen, wie in Mt 6,1-18 dargelegt. Also ist Heuchelei nicht speziell der Tugend der Wahrheit entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner scheint alle Verstellung aus Arglist hervorzugehen, weshalb sie der Einfalt entgegengesetzt ist. Nun ist Arglist der Klugheit entgegengesetzt, wie oben dargelegt (Quaestio [55], Artikel [4]). Also ist Heuchelei, welche Verstellung ist, nicht der Wahrheit entgegengesetzt, sondern eher der Klugheit oder Einfalt.
Einwand 3: Ferner wird die Spezies moralischer Handlungen von ihrem Ziel genommen. Nun ist das Ziel der Heuchelei der Erwerb von Gewinn oder Ruhmsucht: weshalb eine Glosse zu Ijob 27,8 („Was ist die Hoffnung des Heuchlers, wenn er aus Habsucht mit Gewalt nimmt“) sagt: „Ein Heuchler oder, wie das Lateinische sagt, ein Versteller, ist ein habsüchtiger Dieb: denn aus Verlangen, für Heiligkeit geehrt zu werden, stiehlt er, obwohl der Bosheit schuldig, Lob für ein Leben, das nicht das seine ist.“ Also da Habsucht oder Ruhmsucht nicht direkt der Wahrheit entgegengesetzt sind, scheint es, dass es auch Heuchelei oder Verstellung nicht sind.
Dagegen spricht, dass alle Verstellung eine Lüge ist, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Nun ist eine Lüge direkt der Wahrheit entgegengesetzt. Also ist es auch Verstellung oder Heuchelei.
Ich antworte darauf, Gemäß dem Philosophen (Metaph. text. 13, 24, x) ist „Gegensätzlichkeit Opposition in Bezug auf die Form“, d.h. die spezifische Form. Dementsprechend müssen wir antworten, dass Verstellung oder Heuchelei einer Tugend auf zwei Arten entgegengesetzt sein kann, auf eine Weise direkt, auf eine andere Weise indirekt. Ihre direkte Opposition oder Gegensätzlichkeit ist im Hinblick auf die Spezies der Handlung selbst zu betrachten, und diese Spezies hängt vom eigentlichen Objekt dieser Handlung ab. Da also Heuchelei eine Art von Verstellung ist, wodurch ein Mensch einen Charakter vortäuscht, der nicht der seine ist, wie im vorhergehenden Artikel dargelegt, folgt daraus, dass sie direkt der Wahrheit entgegengesetzt ist, durch die ein Mensch sich in Leben und Rede so zeigt, wie er ist, wie in Ethic. iv, 7 dargelegt.
Die indirekte Opposition oder Gegensätzlichkeit der Heuchelei kann in Bezug auf irgendein Akzidens betrachtet werden, zum Beispiel ein fernes Ziel oder ein Werkzeug der Handlung oder irgendetwas anderes dieser Art.
Antwort auf Einwand 1: Der Heuchler betrachtet bei der Vortäuschung einer Tugend diese als sein Ziel, nicht in Bezug auf ihre Existenz, als ob er wünschte, sie zu haben, sondern in Bezug auf den Anschein, da er wünscht, so zu scheinen, als habe er sie. Daher ist seine Heuchelei nicht jener Tugend entgegengesetzt, sondern der Wahrheit, insofern er Menschen in Bezug auf jene Tugend täuschen will. Und er vollzieht Akte jener Tugend nicht, indem er sie um ihrer selbst willen beabsichtigt, sondern instrumentell, als Zeichen jener Tugend, weshalb seine Heuchelei aus diesem Grund keine direkte Opposition zu jener Tugend hat.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt (Quaestio [55], Artikel [3],4,5), ist das der Klugheit direkt entgegengesetzte Laster die Verschlagenheit, zu der es gehört, Wege zur Erreichung eines Zwecks zu entdecken, die scheinbar und nicht real sind: während sie jenen Zweck durch Arglist in Worten und durch Betrug in Taten erreicht: und sie steht in Beziehung zur Klugheit wie Arglist und Betrug zur Einfalt. Nun sind Arglist und Betrug hauptsächlich auf Täuschung gerichtet und manchmal sekundär auf Schädigung. Weshalb es direkt zur Einfalt gehört, sich vor Täuschung zu hüten, und auf diese Weise ist die Tugend der Einfalt dieselbe wie die Tugend der Wahrheit, wie oben dargelegt (Quaestio [109], Artikel [2], ad 4). Es gibt jedoch einen bloß logischen Unterschied zwischen ihnen, weil wir mit Wahrheit die Übereinstimmung zwischen Zeichen und bezeichneter Sache meinen, während Einfalt anzeigt, dass man nicht zu verschiedenen Dingen tendiert, indem man innerlich eines beabsichtigt und äußerlich ein anderes vorgibt.
Antwort auf Einwand 3: Gewinn oder Ruhm ist das ferne Ziel des Verstellers wie auch des Lügners. Daher nimmt sie ihre Spezies nicht von diesem Ziel, sondern vom nächsten Ziel, welches ist, sich anders zu zeigen, als man ist. Weshalb es einem Menschen manchmal passiert, dass er große Dinge von sich vorgibt, zu keinem weiteren Zweck als der bloßen Lust an der Heuchelei, wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 7), und wie auch wir oben in Bezug auf das Lügen gesagt haben (Quaestio [110], Artikel [2]).