II-II, q. 109 a. 2
Ob die Wahrheit eine besondere Tugend ist?
Quaestio 109 · Von der Wahrheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Wahrheit keine besondere Tugend ist. Denn das Wahre und das Gute sind austauschbar. Nun ist die Güte keine besondere Tugend, tatsächlich ist jede Tugend Güte, weil „sie ihren Besitzer gut macht.“ Also ist die Wahrheit keine besondere Tugend.
Einwand 2: Ferner ist das Bekanntmachen dessen, was zu einem selbst gehört, ein Akt der Wahrheit, wie wir sie hier verstehen. Dies gehört aber zu jeder Tugend, da jeder tugendhafte Habitus durch seinen eigenen Akt bekannt gemacht wird. Also ist die Wahrheit keine besondere Tugend.
Einwand 3: Ferner ist die Wahrheit des Lebens die Wahrheit, durch die man recht lebt, und von der geschrieben steht (Jes 38,3): „Ich bitte dich ... gedenke, wie ich vor dir in Wahrheit und mit vollkommenem Herzen gewandelt bin.“ Nun lebt man durch jede Tugend recht, wie aus der oben gegebenen Definition der Tugend folgt (I-II, Frage [55], Artikel [4]). Also ist die Wahrheit keine besondere Tugend.
Einwand 4: Ferner scheint die Wahrheit dasselbe zu sein wie die Einfachheit, da die Heuchelei beiden entgegengesetzt ist. Aber die Einfachheit ist keine besondere Tugend, da sie die Absicht berichtigt, und das ist bei jeder Tugend erforderlich. Also ist auch die Wahrheit keine besondere Tugend.
Dagegen spricht, dass sie zusammen mit anderen Tugenden aufgezählt wird (Ethic. ii, 7).
Ich antworte darauf, dass das Wesen der menschlichen Tugend darin besteht, die Tat des Menschen gut zu machen. Folglich ist es immer dann, wenn wir einen besonderen Aspekt der Güte in menschlichen Handlungen finden, notwendig, dass der Mensch durch eine besondere Tugend dazu disponiert wird. Und da nach Augustinus (De Nat. Boni iii) das Gute in der Ordnung besteht, folgt daraus, dass ein besonderer Aspekt des Guten dort gefunden wird, wo eine besondere Ordnung besteht. Nun gibt es eine besondere Ordnung, durch die unser Äußeres, seien es Worte oder Taten, in gebührender Weise auf eine Sache hingeordnet wird, wie das Zeichen auf das Bezeichnete: und hierzu wird der Mensch durch die Tugend der Wahrheit vervollkommnet. Daher ist es offensichtlich, dass die Wahrheit eine besondere Tugend ist.
Antwort auf Einwand 1: Das Wahre und das Gute sind hinsichtlich des Subjekts austauschbar, da jedes wahre Ding gut ist und jedes gute Ding wahr ist. Aber logisch betrachtet übertreffen sie einander, so wie auch der Verstand und der Wille einander übertreffen. Denn der Verstand erkennt den Willen und vieles andere außerdem, und der Wille begehrt Dinge, die zum Verstand gehören, und viele andere. Daher ist das „Wahre“, betrachtet in seinem eigentlichen Aspekt als eine Vollkommenheit des Verstandes, ein besonderes Gut, da es etwas Begehrenswertes ist: und in gleicher Weise ist das „Gute“, betrachtet in seinem eigentlichen Aspekt als das Ziel des Begehrens, etwas Wahres, da es etwas Verständliches ist. Da also die Tugend den Aspekt der Güte einschließt, ist es möglich, dass die Wahrheit eine besondere Tugend ist, so wie das „Wahre“ ein besonderes Gut ist; doch ist es nicht möglich, dass die Güte eine besondere Tugend ist, da sie vielmehr, logisch betrachtet, die Gattung der Tugend ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Habitus der Tugend und des Lasters nehmen ihre Spezies von dem, was direkt beabsichtigt ist, und nicht von dem, was akzidentell und neben der Absicht ist. Dass nun ein Mensch das aussagt, was ihn selbst betrifft, gehört zur Tugend der Wahrheit als etwas direkt Beabsichtigtes: obwohl es zu anderen Tugenden konsequent und neben seiner Hauptabsicht gehören mag. Denn der Tapfere beabsichtigt, tapfer zu handeln: und dass er seine Tapferkeit zeigt, indem er tapfer handelt, ist eine Folge neben seiner Hauptabsicht.
Antwort auf Einwand 3: Die Wahrheit des Lebens ist die Wahrheit, durch die ein Ding wahr ist, nicht durch die eine Person das Wahre sagt. Das Leben wird wie alles andere wahr genannt aufgrund der Tatsache, dass es seine Regel und sein Maß erreicht, nämlich das göttliche Gesetz; da die Richtigkeit des Lebens von der Übereinstimmung mit jenem Gesetz abhängt. Diese Wahrheit oder Richtigkeit ist jeder Tugend gemeinsam.
Antwort auf Einwand 4: Die Einfachheit wird so genannt aufgrund ihrer Entgegensetzung zur Doppelzüngigkeit, wodurch nämlich ein Mensch äußerlich eine Sache zeigt, während er eine andere im Herzen hat: so dass die Einfachheit zu dieser Tugend gehört. Und sie berichtigt die Absicht, zwar nicht direkt (da dies zu jeder Tugend gehört), sondern indem sie die Doppelzüngigkeit ausschließt, wodurch ein Mensch eine Sache vortäuscht und eine andere beabsichtigt.