II-II, q. 107 a. 4
Ob man den Undankbaren Wohltaten entziehen soll?
Quaestio 107 · Von der Undankbarkeit
Einwand 1: Es scheint, dass man den Undankbaren Wohltaten entziehen soll. Denn es steht geschrieben (Weish 16,29): „Die Hoffnung des Undankbaren wird schmelzen wie Wintereis.“ Aber diese Hoffnung würde nicht schmelzen, wenn ihm nicht Wohltaten entzogen würden. Daher sollten den Undankbaren Wohltaten entzogen werden.
Einwand 2: Ferner sollte niemand einem anderen eine Gelegenheit zur Sünde geben. Aber dem Undankbaren wird beim Empfang einer Wohltat eine Gelegenheit zur Undankbarkeit gegeben. Daher sollten den Undankbaren keine Wohltaten erwiesen werden.
Einwand 3: Ferner: „Womit einer sündigt, damit wird er auch bestraft“ (Weish 11,17). Nun sündigt derjenige, der undankbar ist, wenn er eine Wohltat empfängt, gegen die Wohltat. Daher sollte er der Wohltat beraubt werden.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Lk 6,35), dass „der Höchste ... gütig ist gegen die Undankbaren und Bösen.“ Nun sollten wir uns als Seine Kinder erweisen, indem wir Ihn nachahmen (Lk 6,36). Daher sollten wir den Undankbaren keine Wohltaten entziehen.
Ich antworte darauf, dass es in Bezug auf einen undankbaren Menschen zwei Punkte zu betrachten gibt. Der erste ist, was er zu erleiden verdient, und so ist es sicher, dass er verdient, unserer Wohltat beraubt zu werden. Der zweite ist, was sein Wohltäter tun sollte. Denn erstens sollte er ihn nicht leichtfertig als undankbar beurteilen, da, wie Seneca bemerkt (De Benef. iii), „ein Mensch oft dankbar ist, obwohl er nicht vergilt“, weil er vielleicht nicht die Mittel oder die Gelegenheit zur Vergeltung hat. Zweitens sollte er geneigt sein, dessen Undankbarkeit in Dankbarkeit zu verwandeln, und wenn er dies nicht erreicht, indem er einmal gütig zu ihm ist, mag er es erreichen, indem er es ein zweites Mal ist. Wenn jedoch der andere, je mehr er seine Wohltaten wiederholt, desto undankbarer und böser wird, sollte er aufhören, ihm seine Wohltaten zu erweisen.
Antwort auf Einwand 1: Die zitierte Stelle spricht davon, was der undankbare Mensch zu erleiden verdient.
Antwort auf Einwand 2: Wer einem undankbaren Menschen eine Wohltat erweist, bietet ihm nicht eine Gelegenheit zur Sünde, sondern zur Dankbarkeit und Liebe. Und wenn der Empfänger daraus eine Gelegenheit zur Undankbarkeit nimmt, ist dies nicht dem Geber zuzurechnen.
Antwort auf Einwand 3: Wer eine Wohltat erweist, darf nicht sogleich die Rolle eines Bestrafers der Undankbarkeit spielen, sondern vielmehr die eines gütigen Arztes, indem er die Undankbarkeit durch wiederholte Wohltaten heilt.