II-II, q. 104 a. 3
Ob der Gehorsam die größte der Tugenden ist?
Quaestio 104 · Vom Gehorsam
Einwand 1: Es scheint, dass der Gehorsam die größte der Tugenden ist. Denn es steht geschrieben (1 Sam 15,22): „Gehorsam ist besser als Opfer.“ Nun gehört das Darbringen von Opfern zur Religion, welche die größte aller moralischen Tugenden ist, wie oben gezeigt (Quaestio [81], Artikel [6]). Also ist der Gehorsam die größte aller Tugenden.
Einwand 2: Ferner sagt Gregor (Moral. xxxv), dass „der Gehorsam die einzige Tugend ist, die Tugenden in die Seele einpflanzt und sie schützt, wenn sie eingepflanzt sind.“ Nun ist die Ursache größer als die Wirkung. Also ist der Gehorsam größer als alle Tugenden.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor (Moral. xxxv), dass „Böses niemals aus Gehorsam getan werden sollte: doch manchmal sollten wir um des Gehorsams willen das Gute, das wir tun, beiseitelegen.“ Nun legt man eine Sache nicht beiseite, außer für etwas Besseres. Also ist der Gehorsam, um dessentwillen das Gut anderer Tugenden beiseitegelegt wird, besser als andere Tugenden.
Dagegen spricht, dass der Gehorsam Lob verdient, weil er aus der Liebe hervorgeht: denn Gregor sagt (Moral. xxxv), dass „Gehorsam nicht aus knechtischer Furcht geübt werden sollte, sondern aus dem Sinn der Liebe, nicht aus Furcht vor Strafe, sondern aus Liebe zur Gerechtigkeit.“ Also ist die Liebe eine größere Tugend als der Gehorsam.
Ich antworte darauf, dass, so wie die Sünde darin besteht, dass der Mensch Gott verachtet und an veränderlichen Dingen hängt, so das Verdienst eines tugendhaften Aktes darin besteht, dass der Mensch geschaffene Güter verachtet und Gott als seinem Ziel anhängt. Nun ist das Ziel größer als das, was auf das Ziel hingeordnet ist. Wenn also ein Mensch geschaffene Güter verachtet, damit er Gott anhängen möge, leitet seine Tugend größeres Lob daraus ab, dass er Gott anhängt, als daraus, dass er irdische Dinge verachtet. Und so sind jene, nämlich die theologischen Tugenden, durch die er Gott in sich selbst anhängt, größer als die moralischen Tugenden, durch die er irgendein irdisches Ding verachtet, um Gott anzuhängen.
Unter den moralischen Tugenden ist die Tugend umso größer, je größer das Ding ist, das ein Mensch um Gottes willen verachtet. Nun gibt es drei Arten menschlicher Güter, die der Mensch um Gottes willen verachten kann. Die niedrigsten davon sind äußere Güter, die Güter des Leibes nehmen den mittleren Platz ein, und die höchsten sind die Güter der Seele; und unter diesen ist das vornehmste in gewisser Weise der Wille, insofern der Mensch durch seinen Willen von allen anderen Gütern Gebrauch macht. Daher ist, eigentlich gesprochen, die Tugend des Gehorsams, durch die wir unseren eigenen Willen um Gottes willen verachten, lobenswerter als die anderen moralischen Tugenden, die andere Güter um Gottes willen verachten.
Daher sagt Gregor (Moral. xxxv), dass „der Gehorsam zu Recht den Opfern vorgezogen wird, weil durch Opfer der Leib eines anderen geschlachtet wird, wohingegen wir durch Gehorsam unseren eigenen Willen schlachten.“ Weshalb auch alle anderen Akte der Tugend vor Gott verdienstvoll sind, dadurch dass sie aus Gehorsam gegenüber Gottes Willen vollzogen werden. Denn würde einer selbst das Martyrium erleiden oder alle seine Güter den Armen geben, wenn er diese Dinge nicht auf die Erfüllung des göttlichen Willens hinordnete, was direkt zum Gehorsam gehört, so könnten sie nicht verdienstvoll sein: wie sie es auch nicht wären, wenn sie ohne Liebe getan würden, die nicht getrennt vom Gehorsam existieren kann. Denn es steht geschrieben (1 Joh 2,4.5): „Wer sagt, dass er Gott kennt, und seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner ... wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollendet“: und dies, weil Freunde dieselben Vorlieben und Abneigungen haben.
Antwort auf Einwand 1: Der Gehorsam geht aus der Ehrfurcht hervor, die einem Vorgesetzten Verehrung und Ehre erweist, und in dieser Hinsicht ist er unter verschiedenen Tugenden enthalten, obwohl er an sich betrachtet, in Bezug auf den Aspekt der Vorschrift, eine besondere Tugend ist. Dementsprechend ist er, insofern er aus Ehrfurcht vor einem Vorgesetzten hervorgeht, in gewisser Weise unter der Ehrerbietung enthalten; während er, insofern er aus Ehrfurcht vor den Eltern hervorgeht, unter der Pietät enthalten ist; und insofern er aus Ehrfurcht vor Gott hervorgeht, fällt er unter die Religion und gehört zur Hingabe, welche der vornehmste Akt der Religion ist. Weshalb es von diesem Gesichtspunkt aus lobenswerter ist, Gott zu gehorchen, als Opfer darzubringen, sowie auch deshalb, weil „in einem Opfer der Leib eines anderen geschlachtet wird, wohingegen wir durch Gehorsam unseren eigenen Willen schlachten“, wie Gregor sagt (Moral. xxxv). Was den besonderen Fall betrifft, in dem Samuel sprach, so wäre es für Saul besser gewesen, Gott zu gehorchen, als die fetten Tiere der Amalekiter gegen das Gebot Gottes als Opfer darzubringen.
Antwort auf Einwand 2: Alle Akte der Tugend gehören, insofern sie unter eine Vorschrift fallen, zum Gehorsam. Weshalb, je nachdem wie Akte der Tugend ursächlich oder dispositiv auf ihre Erzeugung und Bewahrung hinwirken, gesagt wird, dass der Gehorsam alle Tugenden einpflanzt und schützt. Und doch folgt daraus nicht, dass der Gehorsam absolut Vorrang vor allen Tugenden hat, aus zwei Gründen. Erstens, weil, obwohl ein Akt der Tugend unter eine Vorschrift fällt, man dennoch jenen Akt der Tugend vollziehen kann, ohne den Aspekt der Vorschrift zu betrachten. Folglich, wenn es irgendeine Tugend gibt, deren Objekt von Natur aus der Vorschrift vorausgeht, so wird jene Tugend als dem Gehorsam von Natur aus vorausgehend bezeichnet. Eine solche Tugend ist der Glaube, durch den wir die erhabene Natur der göttlichen Autorität erkennen, aufgrund derer die Macht zu befehlen Gott zukommt. Zweitens, weil die Eingießung der Gnade und der Tugenden sogar zeitlich allen tugendhaften Akten vorausgehen kann: und auf diese Weise ist der Gehorsam nicht vor allen Tugenden, weder zeitlich noch von Natur aus.
Antwort auf Einwand 3: Es gibt zwei Arten des Guten. Es gibt jenes, zu dem wir notwendigerweise verpflichtet sind, zum Beispiel Gott zu lieben und so weiter: und keinesfalls darf ein solches Gut wegen des Gehorsams beiseitegelegt werden. Aber es gibt ein anderes Gut, zu dem der Mensch nicht notwendigerweise verpflichtet ist, und dieses Gut sollen wir manchmal um des Gehorsams willen beiseitelegen, zu dem wir notwendigerweise verpflichtet sind, da wir Gutes nicht tun sollen, indem wir in Sünde fallen. Doch wie Gregor bemerkt (Moral. xxxv), „muss derjenige, der seinen Untergebenen irgendein einzelnes Gut verbietet, ihnen viele andere erlauben, damit die Seelen derer, die gehorchen, nicht gänzlich durch Aushungerung zugrunde gehen, indem sie jedes Gutes beraubt werden.“ So kann der Verlust eines Gutes durch Gehorsam und andere Güter kompensiert werden.