II-II, q. 103 a. 2
Ob die Ehre eigentlich denen gebührt, die über uns stehen?
Quaestio 103 · Von der Dulie
Einwand 1: Es scheint, dass die Ehre nicht eigentlich denen gebührt, die über uns stehen. Denn ein Engel steht über jedem menschlichen Pilger, gemäß Mt 11,11: „Der Kleinste im Himmelreich ist größer als Johannes der Täufer.“ Dennoch verbot ein Engel dem Johannes, ihn zu ehren, als dieser es wollte (Offb 22,10). Also gebührt die Ehre nicht denen, die über uns stehen.
Einwand 2: Ferner gebührt Ehre einer Person in Anerkennung ihrer Tugend, wie oben dargelegt (Artikel [1]; Frage [63], Artikel [3]). Aber manchmal sind jene, die über uns stehen, nicht tugendhaft. Also gebührt ihnen keine Ehre, wie sie auch den Dämonen nicht gebührt, die dennoch in der Ordnung der Natur über uns stehen.
Einwand 3: Ferner sagt der Apostel (Röm 12,10): „Kommt einander in Ehrerbietung zuvor“, und wir lesen (1 Petr 2,17): „Ehrt alle Menschen.“ Dies wäre aber nicht so, wenn die Ehre allein denen gebührte, die über uns stehen. Also gebührt die Ehre nicht eigentlich denen, die über uns stehen.
Einwand 4: Ferner steht geschrieben (Tob 1,16), dass Tobias „zehn Talente Silber hatte von dem, womit er vom König geehrt worden war“: und wir lesen (Ester 6,11), dass Ahasveros den Mordechai ehrte und in seiner Gegenwart ausrufen ließ: „So wird dem getan, den der König ehren will.“ Also wird Ehre auch denen erwiesen, die unter uns stehen, und folglich scheint es, dass die Ehre nicht eigentlich denen gebührt, die über uns stehen.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethik i, 12), „Ehre gebühre dem Besten.“
Ich antworte darauf: Wie oben dargelegt (Artikel [1]), ist Ehre nichts anderes als die Anerkennung der hervorragenden Güte einer Person. Nun kann die Vorzüglichkeit einer Person betrachtet werden nicht nur im Verhältnis zu denen, die sie ehren, in dem Punkt, dass sie vorzüglicher ist als diese, sondern auch in sich selbst oder im Verhältnis zu anderen Personen; und auf diese Weise gebührt einer Person immer Ehre aufgrund irgendeiner Vorzüglichkeit oder Überlegenheit.
Denn die geehrte Person muss nicht notwendigerweise vorzüglicher sein als jene, die sie ehren; es kann genügen, dass sie vorzüglicher ist als einige andere, oder sie kann vorzüglicher sein als jene, die sie ehren, in einer bestimmten Hinsicht und nicht schlechthin.
Antwort auf Einwand 1: Der Engel verbot Johannes nicht jede Art von Ehre, sondern die Ehre der Anbetung und Latria, die Gott gebührt. Oder er verbot ihm, ihm die Ehre der Dulia zu erweisen, um die Würde des Johannes selbst anzuzeigen, durch welche Christus ihn den Engeln gleichstellte „gemäß der Hoffnung auf die Herrlichkeit der Kinder Gottes“: weshalb er sich weigerte, von ihm geehrt zu werden, als ob er ihm überlegen wäre.
Antwort auf Einwand 2: Ein böser Vorgesetzter wird geehrt nicht wegen der Vorzüglichkeit seiner Tugend, sondern wegen seiner Würde, da er Gottes Diener ist, und weil die ihm erwiesene Ehre der ganzen Gemeinschaft gilt, der er vorsteht. Was die Dämonen betrifft, so sind sie unwiderruflich böse und sollten eher als Feinde betrachtet denn mit Ehre behandelt werden.
Antwort auf Einwand 3: In jedem Menschen findet sich etwas, das es möglich macht, ihn für besser zu halten als uns selbst, gemäß Phil 2,3: „In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst“, und so sollten auch wir alle darauf bedacht sein, einander Ehre zu erweisen.
Antwort auf Einwand 4: Privatpersonen werden manchmal von Königen geehrt, nicht weil sie in der Ordnung der Würde über ihnen stünden, sondern aufgrund einer gewissen Vorzüglichkeit ihrer Tugend: und auf diese Weise wurden Tobias und Mordechai von Königen geehrt.