II-II, q. 103 a. 4
Ob die Dulia verschiedene Arten hat?
Quaestio 103 · Von der Dulie
Einwand 1: Es scheint, dass die Dulia verschiedene Arten hat. Denn durch die Dulia erweisen wir unserem Nächsten Ehre. Nun werden verschiedene Nächste unter verschiedenen Aspekten geehrt, zum Beispiel König, Vater und Herr, wie der Philosoph feststellt (Ethik ix, 2). Da dieser Unterschied des Aspekts im Objekt die Arten der Tugend unterscheidet, scheint es, dass die Dulia in spezifisch verschiedene Tugenden unterteilt ist.
Einwand 2: Ferner unterscheidet sich die Mitte spezifisch von den Extremen, wie das Bleiche von Weiß und Schwarz. Nun ist die Hyperdulia anscheinend eine Mitte zwischen Latria und Dulia: denn sie wird Geschöpfen erwiesen, die eine besondere Nähe zu Gott haben, zum Beispiel der seligen Jungfrau als der Mutter Gottes. Daher scheint es, dass es verschiedene Arten der Dulia gibt, wobei die eine einfach Dulia, die andere Hyperdulia ist.
Einwand 3: Ferner, so wie wir im vernunftbegabten Geschöpf das Bild Gottes finden, weshalb es geehrt wird, so finden wir im vernunftlosen Geschöpf die Spur Gottes. Nun unterscheidet sich der Aspekt der Ähnlichkeit, der durch ein Bild bezeichnet wird, von dem Aspekt, der durch eine Spur vermittelt wird. Daher müssen wir einen entsprechenden Unterschied der Dulia unterscheiden: und dies umso mehr, da gewissen vernunftlosen Geschöpfen Ehre erwiesen wird, wie zum Beispiel dem Holz des Heiligen Kreuzes.
Dagegen spricht, dass die Dulia der Latria gegenübergestellt wird. Die Latria aber wird nicht in verschiedene Arten unterteilt. Also auch nicht die Dulia.
Ich antworte darauf: Dulia kann auf zwei Weisen verstanden werden. Auf eine Weise kann sie im weiten Sinne verstanden werden als Bezeichnung für die Ehrerbietung, die irgendjemandem aufgrund irgendeiner Art von Vorzüglichkeit erwiesen wird, und so umfasst sie die Frömmigkeit (pietas) und die Ehrerweisung (observantia) und jede ähnliche Tugend, durch die einem Menschen Ehrfurcht erwiesen wird. In diesem Sinne verstanden, wird sie Teile haben, die sich spezifisch voneinander unterscheiden. Auf eine andere Weise kann sie im strengen Sinne verstanden werden als Bezeichnung für die Ehrfurcht eines Knechtes vor seinem Herrn, denn Dulia bedeutet Knechtschaft, wie oben dargelegt (Artikel [3]). In diesem Sinne verstanden, wird sie nicht in verschiedene Arten unterteilt, sondern ist eine der Arten der Ehrerweisung (observantia), die von Tullius (De Invent. Rhet. ii) erwähnt wird, aus dem Grund, dass ein Knecht seinen Herrn unter einem Aspekt verehrt, ein Soldat seinen Befehlshaber unter einem anderen, der Schüler seinen Meister unter einem anderen, und so weiter in ähnlichen Fällen.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument fasst die Dulia im weiten Sinne auf.
Antwort auf Einwand 2: Hyperdulia ist die höchste Art der Dulia im weiten Sinne verstanden, da die größte Ehrfurcht jene ist, die einem Menschen aufgrund seiner Nähe zu Gott gebührt.
Antwort auf Einwand 3: Der Mensch schuldet einem vernunftlosen Geschöpf, in sich selbst betrachtet, weder Unterwerfung noch Ehre; vielmehr sind alle solche Geschöpfe dem Menschen von Natur aus untertan. Was das Kreuz Christi betrifft, so ist die Ehre, die wir ihm erweisen, dieselbe wie jene, die wir Christus erweisen, so wie das Gewand des Königs dieselbe Ehre empfängt wie der König selbst, gemäß dem Damaszener (De Fide Orth. iv).