II-II, q. 103 a. 1
Ob die Ehre etwas Körperliches bezeichnet?
Quaestio 103 · Von der Dulie
Einwand 1: Es scheint, dass die Ehre nichts Körperliches bezeichnet. Denn Ehre ist die Erweisung von Ehrfurcht in Anerkennung einer Tugend, wie dem Philosophen (Ethik i, 5) entnommen werden kann. Nun ist aber die Erweisung von Ehrfurcht etwas Geistiges, da das Verehren ein Akt der Furcht ist, wie oben dargelegt wurde (Frage [81], Artikel [2], zu 1). Also ist die Ehre etwas Geistiges.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethik iv, 3): „Die Ehre ist der Lohn der Tugend.“ Da nun die Tugend hauptsächlich in geistigen Dingen besteht, ist ihr Lohn nichts Körperliches; denn der Lohn ist vorzüglicher als das Verdienst. Also besteht die Ehre nicht in körperlichen Dingen.
Einwand 3: Ferner unterscheidet sich die Ehre vom Lob wie auch vom Ruhm. Lob und Ruhm bestehen nun in äußeren Dingen. Also besteht die Ehre in inneren und geistigen Dingen.
Dagegen spricht, was Hieronymus in seiner Auslegung zu 1 Tim 5,3 („Ehre die Witwen, die wahrhaft Witwen sind“) und 1 Tim 5,17 („Die Ältesten, die gut vorstehen, sollen doppelter Ehre wert geachtet werden“ etc.) sagt (Ep. ad Ageruch.): „Ehre steht hier entweder für Almosen oder für Entlohnung.“ Beides aber gehört zu den körperlichen Dingen. Also besteht die Ehre in körperlichen Dingen.
Ich antworte darauf: Ehre bezeichnet das Zeugnis über die Vorzüglichkeit einer Person. Daher suchen Menschen, die geehrt werden wollen, ein Zeugnis ihrer Vorzüglichkeit, gemäß dem Philosophen (Ethik i, 5; viii, 8). Nun wird ein Zeugnis entweder vor Gott oder vor den Menschen abgelegt. Vor Gott, der der Erforscher der Herzen ist, genügt das Zeugnis des eigenen Gewissens. Daher kann die Ehre, soweit es Gott betrifft, in der bloßen inneren Regung des Herzens bestehen, wenn zum Beispiel ein Mensch entweder Gottes Vorzüglichkeit oder die Vorzüglichkeit eines anderen Menschen vor Gott anerkennt. In Bezug auf Menschen aber kann man kein Zeugnis ablegen außer durch Zeichen: entweder durch Worte, wie wenn man die Vorzüglichkeit eines anderen mündlich verkündet; oder durch Taten, zum Beispiel durch Verbeugung, Gruß und dergleichen; oder durch äußere Dinge, wie durch das Darbringen von Geschenken, das Errichten von Statuen und Ähnlichem. Demnach besteht die Ehre in äußeren und körperlichen Zeichen.
Antwort auf Einwand 1: Ehrfurcht ist nicht dasselbe wie Ehre: sondern einerseits ist sie das erste Motiv für die Erweisung von Ehre, insofern ein Mensch einen anderen aus der Ehrfurcht heraus ehrt, die er für ihn hegt; und andererseits ist sie das Ziel der Ehre, insofern eine Person geehrt wird, damit sie von anderen in Ehrfurcht gehalten werde.
Antwort auf Einwand 2: Gemäß dem Philosophen (Ethik iv, 3) ist die Ehre kein hinreichender Lohn für die Tugend: dennoch kann in menschlichen und körperlichen Dingen nichts größer sein als die Ehre, da diese körperlichen Dinge selbst als Zeichen zur Anerkennung hervorragender Tugend verwendet werden. Es gebührt jedoch dem Guten und Schönen, dass es bekannt gemacht werde, gemäß Mt 5,15: „Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.“ In diesem Sinne wird die Ehre als Lohn der Tugend bezeichnet.
Antwort auf Einwand 3: Das Lob unterscheidet sich von der Ehre in zweifacher Weise. Erstens, weil das Lob nur in verbalen Zeichen besteht, während die Ehre in jeglichen äußeren Zeichen besteht, so dass das Lob in der Ehre eingeschlossen ist. Zweitens, weil wir durch die Erweisung von Ehre Zeugnis ablegen über die hervorragende Güte einer Person schlechthin, während wir durch das Loben Zeugnis ablegen über ihre Güte in Bezug auf ein Ziel: so loben wir jemanden, der gut auf ein Ziel hin wirkt. Die Ehre hingegen wird auch dem Besten erwiesen, was nicht auf ein Ziel hingeordnet ist, sondern das Ziel bereits erreicht hat, gemäß dem Philosophen (Ethik i, 5).
Ruhm (gloria) ist die Wirkung von Ehre und Lob, da das Ergebnis unseres Zeugnisses über die Güte einer Person ist, dass ihre Güte der Kenntnis vieler klar wird. Das Wort „gloria“ bezeichnet dies, denn „gloria“ ist dasselbe wie {kleria}, weshalb eine Glosse des Augustinus zu Röm 16,27 bemerkt, dass Ruhm „klare Erkenntnis zusammen mit Lob“ ist.