II-II, q. 103 a. 3
Ob die Dulia eine von der Latria verschiedene besondere Tugend ist?
Quaestio 103 · Von der Dulie
Einwand 1: Es scheint, dass die Dulia keine von der Latria verschiedene besondere Tugend ist. Denn eine Glosse zu Ps 7,1 („Herr, mein Gott, auf dich habe ich vertraut“) sagt: „Herr über alles durch seine Macht, dem die Dulia gebührt; Gott durch die Schöpfung, dem wir die Latria schulden.“ Nun ist die Tugend, die auf Gott als Herrn gerichtet ist, nicht verschieden von jener, die auf Ihn als Gott gerichtet ist. Also ist die Dulia keine von der Latria verschiedene Tugend.
Einwand 2: Ferner heißt es gemäß dem Philosophen (Ethik viii, 8): „Geliebt zu werden ist so, wie geehrt zu werden.“ Nun ist die Liebe (Caritas), mit der wir Gott lieben, dieselbe wie jene, mit der wir unseren Nächsten lieben. Also ist die Dulia, mit der wir unseren Nächsten ehren, keine von der Latria, mit der wir Gott ehren, verschiedene Tugend.
Einwand 3: Ferner ist die Bewegung, mit der man sich auf ein Bild hin bewegt, dieselbe wie die Bewegung, mit der man sich auf das Ding hin bewegt, das durch das Bild dargestellt wird. Nun ehren wir durch die Dulia einen Menschen als nach dem Bilde Gottes geschaffen. Denn es steht über die Gottlosen geschrieben (Weish 2,22.23), dass „sie die Ehre heiliger Seelen nicht achteten, denn Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit geschaffen und ihn zum Bild seiner eigenen Ähnlichkeit gemacht.“ Also ist die Dulia keine von der Latria, durch die Gott geehrt wird, verschiedene Tugend.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei x), dass „die dem Menschen gebührende Ehrerbietung, von der der Apostel sprach, als er den Knechten befahl, ihren Herren zu gehorchen, und die im Griechischen Dulia genannt wird, verschieden ist von der Latria, welche die Ehrerbietung bezeichnet, die im Gottesdienst besteht.“
Ich antworte darauf: Gemäß dem, was oben dargelegt wurde (Frage [101], Artikel [3]), müssen dort, wo es verschiedene Aspekte des Geschuldeten gibt, notwendigerweise verschiedene Tugenden sein, um dieses Geschuldete zu leisten. Nun wird die Dienstbarkeit Gott und dem Menschen unter verschiedenen Aspekten geschuldet: ebenso wie die Herrschaft Gott und dem Menschen unter verschiedenen Aspekten zukommt. Denn Gott hat die absolute und höchste Herrschaft über das Geschöpf im Ganzen und im Einzelnen, welches seiner Macht gänzlich unterworfen ist: der Mensch hingegen hat teil an einer gewissen Ähnlichkeit der göttlichen Herrschaft, insofern er eine besondere Macht über einen Menschen oder ein Geschöpf ausübt. Daher ist die Dulia, die einem menschlichen Herrn den geschuldeten Dienst erweist, eine von der Latria, die der Herrschaft Gottes den geschuldeten Dienst erweist, verschiedene Tugend. Sie ist überdies eine Art der Ehrerweisung (observantia), weil wir durch die Ehrerweisung alle jene ehren, die an Würde hervorragen, während Dulia eigentlich die Ehrfurcht der Knechte vor ihrem Herrn ist, da Dulia das griechische Wort für Knechtschaft ist.
Antwort auf Einwand 1: So wie die Religion vorzugsweise Frömmigkeit (pietas) genannt wird, insofern Gott vorzugsweise unser Vater ist, so wird auch die Latria vorzugsweise Dulia genannt, insofern Gott vorzugsweise unser Herr ist. Nun hat das Geschöpf keinen Anteil an der Schöpferkraft, aufgrund derer Gott die Latria gebührt: und so zog diese Glosse eine Unterscheidung, indem sie die Latria Gott in Bezug auf die Schöpfung zuschrieb, was keinem Geschöpf mitgeteilt wird, die Dulia aber in Bezug auf die Herrschaft, was einem Geschöpf mitgeteilt wird.
Antwort auf Einwand 2: Der Grund, warum wir unseren Nächsten lieben, ist Gott, da das, was wir in unserem Nächsten durch die Liebe (Caritas) lieben, Gott allein ist. Daher ist die Liebe, mit der wir Gott lieben, dieselbe wie jene, mit der wir unseren Nächsten lieben. Doch gibt es andere Freundschaften, die von der Caritas verschieden sind, in Bezug auf die anderen Gründe, aus denen ein Mensch geliebt wird. In gleicher Weise sind Latria und Dulia nicht dieselbe Tugend, da es einen Grund gibt, Gott zu dienen, und einen anderen, dem Menschen zu dienen und den einen oder den anderen zu ehren.
Antwort auf Einwand 3: Die Bewegung auf ein Bild als solches bezieht sich auf das Ding, das durch das Bild dargestellt wird: doch bezieht sich nicht jede Bewegung auf ein Bild auf das Bild als solches, und folglich unterscheidet sich manchmal die Bewegung zum Bild der Art nach von der Bewegung zum Ding. Dementsprechend müssen wir antworten, dass die Ehre oder Unterwerfung der Dulia eine Würde des Menschen an sich betrachtet. Denn obwohl der Mensch in Bezug auf diese Würde zum Bild oder Gleichnis Gottes geschaffen ist, bezieht man dies bei der Erweisung von Ehrfurcht gegenüber einer Person doch nicht immer aktuell auf Gott.
Oder wir können antworten, dass die Bewegung auf ein Bild in gewisser Weise auf das Ding gerichtet ist, die Bewegung auf das Ding aber nicht auf dessen Bild gerichtet sein muss. Daher fällt die einer Person als Bild Gottes erwiesene Ehrfurcht gewissermaßen auf Gott zurück: und doch unterscheidet sich dies von der Ehrfurcht, die Gott selbst erwiesen wird, denn diese bezieht sich in keiner Weise auf sein Bild.