I-II, q. 84 a. 2
Ob der Stolz der Anfang jeder Sünde ist?
Quaestio 84 · Von der Ursache der Sünde, inwiefern eine Sünde die Ursache einer anderen ist.
Einwand 1: Es scheint, dass der Stolz nicht der Anfang jeder Sünde ist. Denn die Wurzel ist ein Anfang eines Baumes, so dass der Anfang einer Sünde dasselbe zu sein scheint wie die Wurzel der Sünde. Nun ist die Habsucht die Wurzel jeder Sünde, wie oben gesagt wurde (Artikel 1). Daher ist sie auch der Anfang jeder Sünde, und nicht der Stolz.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Sir 10,14): "Der Anfang des Stolzes des Menschen ist der Abfall von Gott." Aber der Abfall von Gott ist eine Sünde. Daher ist eine andere Sünde der Anfang des Stolzes, so dass letzterer nicht der Anfang jeder Sünde ist.
Einwand 3: Ferner scheint der Anfang jeder Sünde das zu sein, was alle Sünden verursacht. Dies ist nun die unordentliche Selbstliebe, welche nach Augustinus (De Civ. Dei xiv) "die Stadt Babylon erbaut". Daher ist die Selbstliebe und nicht der Stolz der Anfang jeder Sünde.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Sir 10,15): "Der Stolz ist der Anfang aller Sünde."
Ich antworte darauf, dass einige sagen, der Stolz sei auf drei Weisen zu nehmen. Erstens, als Bezeichnung für das unordentliche Verlangen, sich hervorzutun; und so ist er eine spezielle Sünde. Zweitens, als Bezeichnung für die tatsächliche Verachtung Gottes, mit der Auswirkung, sich Seinem Gebot nicht zu unterwerfen; und so, sagen sie, ist er eine allgemeine Sünde. Drittens, als Bezeichnung für eine Neigung zu dieser Verachtung aufgrund der Verderbnis der Natur; und in diesem Sinne sagen sie, dass er der Anfang jeder Sünde ist, und dass er sich von der Habsucht unterscheidet, weil die Habsucht die Sünde als Hinwendung zum veränderlichen Gut betrachtet, durch welches die Sünde gleichsam genährt und gefördert wird, weshalb die Habsucht die "Wurzel" genannt wird; wohingegen der Stolz die Sünde als Abwendung von Gott betrachtet, Dessen Gebot der Mensch sich zu unterwerfen weigert, weshalb er der "Anfang" genannt wird, weil der Anfang des Bösen in der Abwendung von Gott besteht.
Nun ist dies alles zwar wahr, dennoch erklärt es nicht die Meinung des Weisen, der sagte (Sir 10,15): "Der Stolz ist der Anfang aller Sünde." Denn es ist offensichtlich, dass er vom Stolz als Bezeichnung für das unordentliche Verlangen, sich hervorzutun, spricht, wie aus dem Folgenden klar wird (Vers 17): "Gott hat die Throne stolzer Fürsten umgestürzt"; in der Tat ist dies der Punkt fast des ganzen Kapitels. Wir müssen daher sagen, dass der Stolz, selbst als Bezeichnung für eine spezielle Sünde, der Anfang jeder Sünde ist. Denn wir müssen beachten, dass es in freiwilligen Handlungen, wie Sünden, eine zweifache Ordnung gibt, die der Absicht und die der Ausführung. In der ersteren Ordnung ist das Prinzip das Ziel, wie wir schon oft gesagt haben (Quaestio 1, Artikel 1, ad 1; Quaestio 18, Artikel 7, ad 2; Quaestio 15, Artikel 1, ad 2; Quaestio 25, Artikel 2). Nun ist das Ziel des Menschen beim Erwerb aller zeitlichen Güter, dass er durch ihre Mittel irgendeine Vollkommenheit und Exzellenz habe. Daher wird unter diesem Gesichtspunkt der Stolz, welcher das Verlangen ist, sich hervorzutun, der "Anfang" jeder Sünde genannt. Andererseits gehört in der Ordnung der Ausführung der erste Platz demjenigen, was durch Bereitstellung der Gelegenheit zur Erfüllung aller Sündenwünsche den Charakter einer Wurzel hat, und solches sind die Reichtümer; so dass unter diesem Gesichtspunkt die Habsucht die "Wurzel" aller Übel genannt wird, wie oben gesagt wurde (Artikel 1).
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: Der Abfall von Gott wird als der Anfang des Stolzes bezeichnet, insofern er eine Abwendung von Gott bedeutet, denn aus der Tatsache, dass der Mensch sich Gott nicht unterwerfen will, folgt, dass er unordentlich seine eigene Exzellenz in zeitlichen Dingen begehrt. Daher bezeichnet an der zitierten Stelle der Abfall von Gott nicht die spezielle Sünde, sondern vielmehr jenen allgemeinen Zustand jeder Sünde, der in ihrer Abwendung von Gott besteht. Es kann auch gesagt werden, dass der Abfall von Gott der Anfang des Stolzes genannt wird, weil er die erste Art des Stolzes ist. Denn es ist charakteristisch für den Stolz, sich keinem Oberen unterwerfen zu wollen, und besonders Gott nicht; was zur Folge hat, dass ein Mensch sich in Bezug auf die anderen Arten des Stolzes ungebührlich erhebt.
Antwort auf Einwand 3: Indem der Mensch sich hervorzutun begehrt, liebt er sich selbst, denn sich selbst zu lieben ist dasselbe, wie irgendein Gut für sich selbst zu begehren. Folglich läuft es auf dasselbe hinaus, ob wir den Stolz oder die Selbstliebe als den Anfang jedes Übels rechnen.