I-II, q. 84 a. 1
Ob die Habsucht die Wurzel aller Sünden ist?
Quaestio 84 · Von der Ursache der Sünde, inwiefern eine Sünde die Ursache einer anderen ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Habsucht nicht die Wurzel aller Sünden ist. Denn die Habsucht, welche ein unmäßiges Verlangen nach Reichtümern ist, steht der Tugend der Freigebigkeit entgegen. Aber die Freigebigkeit ist nicht die Wurzel aller Tugenden. Also ist die Habsucht nicht die Wurzel aller Sünden.
Einwand 2: Ferner geht das Verlangen nach den Mitteln aus dem Verlangen nach dem Ziel hervor. Nun werden Reichtümer, deren Verlangen Habsucht genannt wird, nur begehrt, weil sie für irgendein Ziel nützlich sind, wie in Ethic. i, 5 gesagt wird. Daher ist die Habsucht nicht die Wurzel aller Sünden, sondern geht aus einer tieferen Wurzel hervor.
Einwand 3: Ferner geschieht es oft, dass der Geiz, der ein anderer Name für Habsucht ist, aus anderen Sünden entsteht; wie wenn ein Mensch Geld begehrt aus Ehrgeiz oder um seine Völlerei zu befriedigen. Daher ist sie nicht die Wurzel aller Sünden.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (1 Tim 6,10): "Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht."
Ich antworte darauf, dass nach einigen die Habsucht auf verschiedene Weisen verstanden werden kann. Erstens, als Bezeichnung für das unordentliche Verlangen nach Reichtümern: und so ist sie eine spezielle Sünde. Zweitens, als Bezeichnung für das unordentliche Verlangen nach irgendeinem zeitlichen Gut: und so ist sie eine Gattung, die alle Sünden umfasst, weil jede Sünde eine unordentliche Hinwendung zu einem veränderlichen Gut einschließt, wie oben gesagt wurde (Quaestio 72, Artikel 2). Drittens, als Bezeichnung für eine Neigung der verdorbenen Natur, vergängliche Güter unordentlich zu begehren: und sie sagen, dass in diesem Sinne die Habsucht die Wurzel aller Sünden ist, indem sie sie mit der Wurzel eines Baumes vergleichen, die ihre Nahrung aus der Erde zieht, so wie jede Sünde aus der Liebe zu zeitlichen Dingen wächst.
Obwohl dies alles wahr ist, scheint es doch nicht die Meinung des Apostels zu erklären, wenn er sagt, dass die Habsucht die Wurzel aller Sünden ist. Denn an jener Stelle spricht er deutlich gegen jene, die, weil sie "reich werden wollen, in Versuchung fallen und in den Fallstrick des Teufels... denn die Habsucht ist die Wurzel aller Übel." Daher ist es offensichtlich, dass er von der Habsucht als Bezeichnung für das unordentliche Verlangen nach Reichtümern spricht. Demnach müssen wir sagen, dass die Habsucht, als Bezeichnung für eine spezielle Sünde, die Wurzel aller Sünden genannt wird, in Ähnlichkeit zur Wurzel eines Baumes, indem sie dem ganzen Baum Nahrung liefert. Denn wir sehen, dass der Mensch durch Reichtümer die Mittel erwirbt, jede beliebige Sünde zu begehen und sein Verlangen nach jeder beliebigen Sünde zu befriedigen, da Geld dem Menschen hilft, alle Arten von zeitlichen Gütern zu erlangen, gemäß Prediger 10,19: "Alles gehorcht dem Geld": so dass in diesem Verlangen nach Reichtümern die Wurzel aller Sünden liegt.
Antwort auf Einwand 1: Tugend und Sünde entspringen nicht derselben Quelle. Denn die Sünde entspringt aus dem Verlangen nach dem veränderlichen Gut; und folglich wird das Verlangen nach jenem Gut, das einem hilft, alle zeitlichen Güter zu erlangen, die Wurzel aller Sünden genannt. Aber die Tugend entspringt aus dem Verlangen nach dem unveränderlichen Gott; und folglich wird die Liebe (Caritas), welche die Liebe zu Gott ist, die Wurzel der Tugenden genannt, gemäß Eph 3,17: "In der Liebe verwurzelt und gegründet."
Antwort auf Einwand 2: Das Verlangen nach Geld wird die Wurzel der Sünden genannt, nicht als ob Reichtümer um ihrer selbst willen als letztes Ziel gesucht würden; sondern weil sie sehr gesucht werden als nützlich für jedes zeitliche Ziel. Und da ein universelles Gut begehrenswerter ist als ein partikulares Gut, bewegen sie das Begehren mehr als irgendwelche einzelnen Güter, die zusammen mit vielen anderen mittels Geld beschafft werden können.
Antwort auf Einwand 3: Wie wir in natürlichen Dingen nicht fragen, was immer geschieht, sondern was am häufigsten geschieht, aus dem Grund, dass die Natur der vergänglichen Dinge gehindert werden kann, so dass sie nicht immer auf dieselbe Weise wirkt; so betrachten wir auch in moralischen Dingen, was in der Mehrzahl der Fälle geschieht, nicht was ausnahmslos geschieht, aus dem Grund, dass der Wille nicht aus Notwendigkeit handelt. Wenn wir also sagen, dass die Habsucht die Wurzel aller Übel ist, behaupten wir nicht, dass kein anderes Übel ihre Wurzel sein kann, sondern dass andere Übel häufiger daraus entstehen, aus dem angegebenen Grund.