I-II, q. 79 a. 2
Ob der Akt der Sünde von Gott ist?
Quaestio 79 · Von den äußeren Ursachen der Sünde
Einwand 1: Es scheint, dass der Akt der Sünde nicht von Gott ist. Denn Augustinus sagt (De Perfect. Justit. ii), dass "der Akt der Sünde keine Sache ist". Nun ist alles, was von Gott ist, eine Sache. Also ist der Akt der Sünde nicht von Gott.
Einwand 2: Ferner wird der Mensch nur deshalb als Ursache der Sünde bezeichnet, weil er die Ursache des sündhaften Aktes ist: denn "niemand wirkt in der Absicht auf das Böse", wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Nun ist Gott keine Ursache der Sünde, wie oben dargelegt (Art. 1). Also ist Gott nicht die Ursache des Aktes der Sünde.
Einwand 3: Ferner sind einige Handlungen ihrer Spezies nach böse und sündhaft, wie oben gezeigt wurde (Q. 18, Art. 2, 8). Nun verursacht alles, was Ursache einer Sache ist, auch alles, was ihr hinsichtlich ihrer Spezies zukommt. Wenn also Gott den Akt der Sünde verursachte, wäre er die Ursache der Sünde, was falsch ist, wie oben bewiesen wurde (Art. 1). Also ist Gott nicht die Ursache des Aktes der Sünde.
Dagegen spricht, dass der Akt der Sünde eine Bewegung des freien Willens ist. Nun ist "der Wille Gottes die Ursache jeder Bewegung", wie Augustinus erklärt (De Trin. iii, 4, 9). Also ist Gottes Wille die Ursache des Aktes der Sünde.
Ich antworte darauf, dass der Akt der Sünde sowohl ein Seiendes als auch eine Handlung ist; und in beiderlei Hinsicht ist er von Gott. Denn jedes Seiende, wie auch immer seine Seinsweise sei, muss vom Ersten Seienden abgeleitet sein, wie Dionysius erklärt (Div. Nom. v). Wiederum wird jede Handlung durch etwas verursacht, das im Akt existiert, da nichts eine Handlung hervorbringt, außer insofern es im Akt ist; und jedes Seiende im Akt wird auf den Ersten Akt, nämlich Gott, als seine Ursache zurückgeführt, der durch seine Wesenheit Akt ist. Daher ist Gott die Ursache jeder Handlung, insofern sie eine Handlung ist. Aber die Sünde bezeichnet ein Seiendes und eine Handlung mit einem Defekt: und dieser Defekt stammt von der geschaffenen Ursache, nämlich dem freien Willen, als abfallend von der Ordnung des Ersten Wirkenden, nämlich Gottes. Folglich wird dieser Defekt nicht auf Gott als seine Ursache zurückgeführt, sondern auf den freien Willen: so wie der Defekt des Hinkens auf ein krummes Bein als seine Ursache zurückgeführt wird, nicht aber auf die bewegende Kraft, die dennoch alles verursacht, was an Bewegung im Hinken ist. Demnach ist Gott die Ursache des Aktes der Sünde: und doch ist er nicht die Ursache der Sünde, weil er nicht verursacht, dass der Akt einen Defekt hat.
Antwort auf Einwand 1: In dieser Passage bezeichnet Augustinus mit dem Namen "Sache" das, was schlechthin eine Sache ist, nämlich die Substanz; denn in diesem Sinne ist der Akt der Sünde keine Sache.
Antwort auf Einwand 2: Nicht nur der Akt, sondern auch der Defekt wird auf den Menschen als seine Ursache zurückgeführt, welcher Defekt darin besteht, dass der Mensch nicht dem unterworfen ist, dem er unterworfen sein sollte, obwohl er dies nicht prinzipiell beabsichtigt. Daher ist der Mensch die Ursache der Sünde: während Gott die Ursache des Aktes ist, und zwar so, dass er in keiner Weise die Ursache des den Akt begleitenden Defektes ist, so dass er nicht die Ursache der Sünde ist.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Q. 72, Art. 1), nehmen Akte und Habitus ihre Spezies nicht von der Beraubung selbst, worin die Natur des Bösen besteht, sondern von irgendeinem Objekt, mit dem jene Beraubung verbunden ist: und so gehört dieser Defekt, der darin besteht, nicht von Gott zu sein, der Spezies des Aktes als Konsequenz an und nicht als spezifische Differenz.