I-II, q. 79 a. 1
Ob Gott eine Ursache der Sünde ist?
Quaestio 79 · Von den äußeren Ursachen der Sünde
Einwand 1: Es scheint, dass Gott eine Ursache der Sünde ist. Denn der Apostel sagt über einige (Röm 1,28): "Gott hat sie einem verworfenen Sinn übergeben, zu tun, was nicht recht ist", und eine Glosse bemerkt dazu: "Gott wirkt in den Herzen der Menschen, indem er ihren Willen zu dem hinneigt, was er will, sei es zum Guten oder zum Bösen." Nun besteht die Sünde darin, das zu tun, was nicht recht ist, und einen zum Bösen geneigten Willen zu haben. Also ist Gott für den Menschen eine Ursache der Sünde.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Weish 14,11): "Die Geschöpfe Gottes sind zum Abscheu geworden und zur Versuchung für die Seelen der Menschen." Eine Versuchung bezeichnet aber gewöhnlich eine Anreizung zur Sünde. Da also die Geschöpfe von Gott allein gemacht wurden, wie im ersten Teil (FP, Q. 44, Art. 1) festgestellt wurde, scheint es, dass Gott eine Ursache der Sünde ist, indem er den Menschen zur Sünde reizt.
Einwand 3: Ferner ist die Ursache der Ursache auch die Ursache der Wirkung. Nun ist Gott die Ursache des freien Willens, welcher selbst die Ursache der Sünde ist. Also ist Gott die Ursache der Sünde.
Einwand 4: Ferner ist jedes Übel dem Guten entgegengesetzt. Es widerspricht aber nicht der Güte Gottes, dass er das Übel der Strafe verursacht; denn von diesem Übel steht geschrieben (Jes 45,7), dass Gott das Unheil schafft, und (Amos 3,6): "Geschieht etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht gewirkt hat?" Also ist es mit der Güte Gottes nicht unvereinbar, dass er das Übel der Schuld verursacht.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Weish 11,25): "Du hasst nichts von dem, was du gemacht hast." Gott hasst aber die Sünde, gemäß Weish 14,9: "Gott sind der Gottlose und seine Gottlosigkeit gleichermaßen verhasst." Also ist Gott keine Ursache der Sünde.
Ich antworte darauf, dass der Mensch auf zweifache Weise Ursache seiner eigenen oder einer fremden Sünde ist. Erstens direkt, nämlich indem er seinen oder einen fremden Willen zur Sünde hinneigt; zweitens indirekt, nämlich indem er jemanden nicht vom Sündigen abhält. Daher wird (Ez 3,18) zum Wächter gesagt: "Wenn du dem Gottlosen nicht sagst: 'Du wirst gewiss sterben' ... so werde ich sein Blut von deiner Hand fordern." Gott nun kann nicht direkt die Ursache der Sünde sein, weder in sich selbst noch in einem anderen, da jede Sünde ein Abweichen von der Ordnung ist, die auf Gott als Ziel gerichtet ist: Gott aber neigt und wendet alle Dinge zu sich selbst als ihrem letzten Ziel hin, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. i); so dass es unmöglich ist, dass er für sich selbst oder für einen anderen die Ursache des Abweichens von der Ordnung wäre, die auf ihn selbst gerichtet ist. Deshalb kann er nicht direkt die Ursache der Sünde sein. In gleicher Weise kann er auch nicht indirekt die Sünde verursachen. Denn es geschieht, dass Gott einigen nicht den Beistand gewährt, durch den sie die Sünde vermeiden könnten, welchen Beistand sie, wenn er ihn gewähre, nicht sündigen würden. Aber er tut all dies gemäß der Ordnung seiner Weisheit und Gerechtigkeit, da er selbst Weisheit und Gerechtigkeit ist: so dass, wenn jemand sündigt, es ihm nicht so zugerechnet werden kann, als ob er die Ursache dieser Sünde wäre; so wie man von einem Steuermann nicht sagt, er verursache den Schiffbruch, weil er das Schiff nicht steuert, es sei denn, er höre auf zu steuern, während er fähig und verpflichtet ist zu steuern. Es ist daher offensichtlich, dass Gott in keiner Weise eine Ursache der Sünde ist.
Antwort auf Einwand 1: Was die Worte des Apostels betrifft, so ist die Lösung aus dem Text klar. Denn wenn Gott einige einem verworfenen Sinn übergeben hat, so folgt daraus, dass sie bereits einen verworfenen Sinn hatten, um das zu tun, was nicht recht war. Demgemäß heißt es, er übergebe sie einem verworfenen Sinn, insofern er sie nicht daran hindert, diesem verworfenen Sinn zu folgen, so wie wir sagen, dass wir eine Person einer Gefahr aussetzen, wenn wir sie nicht beschützen. Der Ausspruch des Augustinus (De Grat. et Lib. Arb. xxi, woher die zitierte Glosse stammt), dass "Gott den Willen der Menschen zum Guten und Bösen neigt", ist so zu verstehen, dass er den Willen direkt zum Guten neigt; zum Bösen aber, insofern er ihn nicht hindert, wie oben dargelegt. Und doch ist selbst dies geschuldet, da es durch eine vorhergehende Sünde verdient wurde.
Antwort auf Einwand 2: Wenn gesagt wird, die "Geschöpfe Gottes sind 'zum' Abscheu geworden und zur Versuchung für die Seelen der Menschen", so bezeichnet die Präposition "zu" (in) nicht die Kausalität, sondern die Folge; denn Gott hat die Geschöpfe nicht gemacht, damit sie dem Menschen zum Übel seien; dies war das Ergebnis der menschlichen Torheit, weshalb der Text weiter sagt: "und zum Fallstrick für die Füße der Unweisen", die nämlich in ihrer Torheit die Geschöpfe für einen anderen Zweck gebrauchen als den, für den sie gemacht wurden.
Antwort auf Einwand 3: Die Wirkung, die von einer mittleren Ursache ausgeht, insofern diese der ersten Ursache untergeordnet ist, wird auf jene erste Ursache zurückgeführt; wenn sie aber von der mittleren Ursache ausgeht, insofern diese aus der Ordnung der ersten Ursache heraustritt, so wird sie nicht auf jene erste Ursache zurückgeführt: So wird, wenn ein Diener etwas gegen die Befehle seines Herrn tut, dies nicht dem Herrn zugeschrieben, als ob er die Ursache davon wäre. In gleicher Weise wird die Sünde, die der freie Wille gegen das Gebot Gottes begeht, nicht Gott als ihrer Ursache zugeschrieben.
Antwort auf Einwand 4: Die Strafe ist dem Gut der bestraften Person entgegengesetzt, die dadurch irgendeines Gutes beraubt wird: Die Schuld aber ist dem Gut der Unterordnung unter Gott entgegengesetzt; und so ist sie der göttlichen Güte direkt entgegengesetzt; folglich gibt es keinen Vergleich zwischen Schuld und Strafe.