I-II, q. 78 a. 3
Ob jemand, der aus gewisser Bosheit sündigt, aus Gewohnheit sündigt?
Quaestio 78 · Von der Ursache der Sünde, die Bosheit ist.
Einwand 1: Es scheint, dass jeder, der aus gewisser Bosheit sündigt, aus Gewohnheit sündigt. Denn der Philosoph sagt (Ethic. v, 9), dass „eine ungerechte Handlung nicht so getan wird, wie ein ungerechter Mensch sie tut“, d. h. aus Wahl, „es sei denn, sie geschieht aus Gewohnheit“. Nun heißt aus gewisser Bosheit zu sündigen, durch das Treffen einer Wahl des Bösen zu sündigen, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Also sündigt niemand aus gewisser Bosheit, es sei denn, er hat die Gewohnheit der Sünde.
Einwand 2: Ferner sagt Origenes (Peri Archon iii), dass „ein Mensch nicht plötzlich ruiniert und verloren ist, sondern nach und nach abfallen muss“. Aber der größte Fall scheint der des Mannes zu sein, der aus gewisser Bosheit sündigt. Also kommt ein Mensch dazu, aus gewisser Bosheit zu sündigen, nicht von Anfang an, sondern durch eingewurzelte Sitte, die eine Gewohnheit erzeugen kann.
Einwand 3: Ferner, wann immer ein Mensch aus gewisser Bosheit sündigt, muss sein Wille notwendigerweise von sich aus zu dem Bösen geneigt sein, das er wählt. Aber durch die Natur jener Kraft ist der Mensch nicht zum Bösen, sondern zum Guten geneigt. Wenn er also das Böse wählt, muss dies auf etwas Hinzukommendes zurückzuführen sein, was Leidenschaft oder Gewohnheit ist. Wenn nun ein Mensch aus Leidenschaft sündigt, sündigt er nicht aus gewisser Bosheit, sondern aus Schwäche, wie dargelegt (Quaestio [77], Artikel [3]). Also sündigt jeder, der aus gewisser Bosheit sündigt, aus Gewohnheit.
Dagegen spricht: Die gute Gewohnheit steht in derselben Beziehung zur Wahl von etwas Gutem wie die schlechte Gewohnheit zur Wahl von etwas Bösem. Aber es geschieht manchmal, dass ein Mensch, ohne die Gewohnheit einer Tugend zu haben, das wählt, was gemäß jener Tugend gut ist. Also kann manchmal auch ein Mensch, ohne die Gewohnheit eines Lasters zu haben, das Böse wählen, was bedeutet, aus gewisser Bosheit zu sündigen.
Ich antworte darauf, dass der Wille sich zum Guten und zum Bösen unterschiedlich verhält. Denn aufgrund der Natur der Kraft selbst ist er zum vernunftgemäßen Guten als seinem eigentlichen Objekt geneigt; weshalb jede Sünde als widernatürlich bezeichnet wird. Wenn daher ein Wille durch seine Wahl zu irgendeinem Übel geneigt ist, muss dies durch etwas anderes veranlasst sein. Manchmal wird dies tatsächlich durch einen Mangel in der Vernunft veranlasst, wie wenn jemand aus Unwissenheit sündigt; und manchmal entsteht dies durch den Impuls des sinnlichen Strebevermögens, wie wenn jemand aus Leidenschaft sündigt. Doch keines von beiden beläuft sich auf eine Sünde aus gewisser Bosheit; denn dann allein sündigt jemand aus gewisser Bosheit, wenn sein Wille von sich aus zum Bösen bewegt wird. Dies kann auf zwei Arten geschehen. Erstens dadurch, dass er eine verdorbene Disposition hat, die ihn zum Bösen neigt, so dass in Bezug auf jene Disposition irgendein Übel ihm gleichsam angemessen und ähnlich ist; und zu diesem Ding tendiert der Wille aufgrund seiner Angemessenheit wie zu etwas Gutem, weil alles von sich aus zu dem tendiert, was ihm angemessen ist. Überdies ist diese verdorbene Disposition entweder eine durch Sitte erworbene Gewohnheit oder ein krankhafter Zustand seitens des Körpers, wie im Falle eines Menschen, der aufgrund irgendeiner natürlichen Verderbnis in sich selbst von Natur aus zu bestimmten Sünden geneigt ist. Zweitens kann der Wille von sich aus zu einem Übel tendieren durch die Beseitigung eines Hindernisses: zum Beispiel, wenn ein Mensch am Sündigen gehindert wird, nicht dadurch, dass die Sünde an sich ihm missfällt, sondern durch die Hoffnung auf das ewige Leben oder die Furcht vor der Hölle; wenn die Hoffnung der Verzweiflung weicht oder die Furcht der Vermessenheit, wird er am Ende aus gewisser Bosheit sündigen, da er gleichsam vom Zügel befreit ist.
Es ist daher offensichtlich, dass die aus gewisser Bosheit begangene Sünde immer eine gewisse Unordnung im Menschen voraussetzt, die jedoch nicht immer eine Gewohnheit ist: so dass es nicht notwendigerweise folgt, wenn ein Mensch aus gewisser Bosheit sündigt, dass er aus Gewohnheit sündigt.
Antwort auf Einwand 1: Eine Handlung so zu tun, wie ein ungerechter Mensch sie tut, kann nicht nur bedeuten, ungerechte Dinge aus gewisser Bosheit zu tun, sondern auch, sie mit Vergnügen und ohne nennenswerten Widerstand seitens der Vernunft zu tun, und dies kommt nur bei dem vor, der eine Gewohnheit hat.
Antwort auf Einwand 2: Es ist wahr, dass ein Mensch nicht plötzlich aus gewisser Bosheit in die Sünde fällt und dass etwas vorausgesetzt wird; aber dieses Etwas ist nicht immer eine Gewohnheit, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: Das, was den Willen zum Bösen neigt, ist nicht immer eine Gewohnheit oder eine Leidenschaft, sondern zuweilen etwas anderes. Überdies gibt es keinen Vergleich zwischen der Wahl des Guten und der Wahl des Bösen: weil das Böse niemals ohne irgendein Naturgut ist, wohingegen das Gute ohne das Übel der Schuld vollkommen sein kann.