I-II, q. 78 a. 1
Ob jemand aus gewisser Bosheit sündigt?
Quaestio 78 · Von der Ursache der Sünde, die Bosheit ist.
Einwand 1: Es scheint, dass niemand absichtlich oder aus gewisser Bosheit sündigt. Denn Unwissenheit steht dem Vorsatz oder der gewissen Bosheit entgegen. Nun ist aber „jeder Schlechte unwissend“, wie der Philosoph sagt (Ethic. iii, 1); und es steht geschrieben (Spr 14,22): „Die das Böse wirken, gehen in die Irre.“ Also sündigt niemand aus gewisser Bosheit.
Einwand 2: Ferner sagt Dionysius (Div. Nom. iv), dass „niemand in der Absicht auf das Böse wirkt“. Aus Bosheit zu sündigen scheint aber die Absicht zu bezeichnen, beim Sündigen Böses zu tun [*Anspielung auf die Ableitung von „malitia“ (Bosheit) von „malum“ (Böses)]; denn eine Handlung wird nicht nach dem benannt, was unbeabsichtigt und akzidentell ist. Also sündigt niemand aus Bosheit.
Einwand 3: Ferner ist die Bosheit selbst eine Sünde. Wenn also Bosheit eine Ursache der Sünde ist, folgt daraus, dass die Sünde die Sünde ins Unendliche fortsetzt, was absurd ist. Also sündigt niemand aus Bosheit.
Dagegen spricht, was in Ijob 34,27 geschrieben steht: „[Die,] die gleichsam vorsätzlich von Gott [Vulg.: ‚Ihm‘] abgewichen sind und alle seine Wege nicht verstehen wollten.“ Von Gott abzuweichen ist aber sündigen. Also sündigen manche vorsätzlich oder aus gewisser Bosheit.
Ich antworte darauf, dass der Mensch, wie jedes andere Wesen, von Natur aus ein Streben nach dem Guten hat; wenn also sein Streben sich zum Bösen neigt, so geschieht dies aufgrund einer Verderbnis oder Unordnung in einem der Prinzipien des Menschen: denn so tritt die Sünde (bzw. der Fehler) im Wirken der natürlichen Dinge auf. Die Prinzipien der menschlichen Handlungen sind nun der Verstand und das Strebevermögen, sowohl das rationale (d. h. der Wille) als auch das sinnliche. Wie daher die Sünde in menschlichen Handlungen manchmal durch einen Mangel des Verstandes auftritt, wie wenn jemand aus Unwissenheit sündigt, und manchmal durch einen Mangel im sinnlichen Strebevermögen, wie wenn jemand aus Leidenschaft sündigt, so tritt sie auch durch einen Mangel auf, der in einer Unordnung des Willens besteht. Der Wille ist nun ungeordnet, wenn er das mindere Gut mehr liebt. Die Folge davon, dass man eine Sache weniger liebt, ist wiederum, dass man bereit ist, im Hinblick auf sie irgendeinen Schaden zu erleiden, um ein Gut zu erlangen, das man mehr liebt: wie wenn ein Mensch, sogar wissentlich, den Verlust eines Gliedes erleidet, damit er sein Leben rettet, das er mehr liebt. Wenn dementsprechend ein ungeordneter Wille ein zeitliches Gut, z. B. Reichtum oder Vergnügen, mehr liebt als die Ordnung der Vernunft oder das göttliche Gesetz oder die göttliche Liebe oder etwas dergleichen, so folgt daraus, dass er willens ist, den Verlust eines geistlichen Gutes zu erleiden, um in den Besitz eines zeitlichen Gutes zu gelangen. Nun ist das Böse lediglich die Beraubung eines Gutes; und so will ein Mensch wissentlich ein geistliches Übel, welches das Übel schlechthin ist, wodurch er eines geistlichen Gutes beraubt wird, um ein zeitliches Gut zu besitzen: Daher sagt man, er sündige aus gewisser Bosheit oder vorsätzlich, weil er das Böse wissentlich wählt.
Antwort auf Einwand 1: Die Unwissenheit schließt manchmal das einfache Wissen aus, dass eine bestimmte Handlung böse ist, und dann sagt man, der Mensch sündige aus Unwissenheit; manchmal schließt sie das Wissen aus, dass eine bestimmte Handlung in diesem bestimmten Moment böse ist, wie wenn er aus Leidenschaft sündigt; und manchmal schließt sie das Wissen aus, dass ein bestimmtes Übel nicht um des Besitzes eines bestimmten Gutes willen erlitten werden darf, aber nicht das einfache Wissen, dass es ein Übel ist: Auf diese Weise ist ein Mensch unwissend, wenn er aus gewisser Bosheit sündigt.
Antwort auf Einwand 2: Das Böse kann von niemandem um seiner selbst willen beabsichtigt werden; aber es kann beabsichtigt werden, um ein anderes Übel zu vermeiden oder ein anderes Gut zu erlangen, wie oben dargelegt: Und in diesem Fall würde jeder wählen, ein um seiner selbst willen beabsichtigtes Gut zu erlangen, ohne den Verlust des anderen Gutes zu erleiden; so wie ein Unkeuscher wünschen würde, ein Vergnügen zu genießen, ohne Gott zu beleidigen; aber wenn ihm beides zur Wahl gestellt wird, zieht er es vor zu sündigen und sich dadurch Gottes Zorn zuzuziehen, als des Vergnügens beraubt zu sein.
Antwort auf Einwand 3: Die Bosheit, aus der jemand sündigt, kann die habituelle Bosheit bezeichnen, in dem Sinne, in dem der Philosoph (Ethic. v, 1) einen bösen Habitus mit dem Namen Bosheit bezeichnet, so wie ein guter Habitus Tugend genannt wird: Und auf diese Weise sagt man, dass jemand aus Bosheit sündigt, wenn er aus der Neigung eines Habitus sündigt. Sie kann auch die aktuelle Bosheit bezeichnen, sei es, dass wir unter Bosheit die Wahl des Bösen selbst verstehen (und so sagt man, dass jemand aus Bosheit sündigt, insofern er durch das Treffen einer Wahl des Bösen sündigt), oder sei es, dass wir unter Bosheit irgendeinen vorhergehenden Fehler verstehen, der einen nachfolgenden Fehler verursacht, wie wenn jemand die Gnade seines Bruders aus Neid bekämpft. Dies impliziert auch nicht, dass eine Sache ihre eigene Ursache ist: denn der innere Akt ist die Ursache des äußeren Aktes, und eine Sünde ist die Ursache einer anderen; jedoch nicht ins Unendliche, da wir sie auf eine vorhergehende Sünde zurückführen können, die nicht durch eine vorhergehende Sünde verursacht ist, wie oben erklärt wurde (Quaestio [75], Artikel [4], ad 3).