I-II, q. 76 a. 1
Ob Unwissenheit eine Ursache der Sünde sein kann?
Quaestio 76 · Von den Ursachen der Sünde im Besonderen.
Einwand 1: Es scheint, dass Unwissenheit keine Ursache der Sünde sein kann: denn ein Nicht-Seiendes ist nicht die Ursache von irgendetwas. Nun ist Unwissenheit ein Nicht-Seiendes, da sie eine Beraubung des Wissens ist. Daher ist Unwissenheit keine Ursache der Sünde.
Einwand 2: Ferner sollten Ursachen der Sünde im Hinblick darauf bestimmt werden, dass die Sünde eine „Hinwendung“ zu etwas ist, wie oben dargelegt wurde (Frage [75], Artikel [1]). Nun scheint Unwissenheit eher nach einer „Abwendung“ von etwas zu schmecken. Daher sollte sie nicht als Ursache der Sünde gerechnet werden.
Einwand 3: Ferner hat jede Sünde ihren Sitz im Willen. Der Wille aber wendet sich nicht dem zu, was nicht erkannt ist, da sein Gegenstand das erkannte Gute ist. Daher kann Unwissenheit keine Ursache der Sünde sein.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Nat. et Grat. lxvii): „Einige sündigen aus Unwissenheit.“
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Philosophen (Phys. viii, 27) eine bewegende Ursache zweifach ist: direkt und indirekt. Eine direkte Ursache ist eine solche, die durch ihre eigene Kraft bewegt, wie der Erzeuger die bewegende Ursache von schweren und leichten Dingen ist. Eine indirekte Ursache ist entweder das, was ein Hindernis beseitigt, oder die Beseitigung des Hindernisses selbst: und auf diese Weise kann Unwissenheit die Ursache einer sündhaften Handlung sein; denn sie ist eine Beraubung des Wissens, welches die Vernunft vervollkommnet, die den Akt der Sünde verbietet, insofern sie die menschlichen Handlungen lenkt.
Nun müssen wir beachten, dass die Vernunft die menschlichen Handlungen in Übereinstimmung mit einem zweifachen Wissen lenkt: dem allgemeinen und dem besonderen. Denn wenn sie darüber berät, was zu tun ist, bedient sie sich eines Syllogismus, dessen Schlussfolgerung ein Urteil, eine Wahl oder eine Handlung ist. Nun beziehen sich Handlungen auf Einzeldinge: weshalb die Schlussfolgerung eines praktischen Syllogismus ein singulärer Satz ist. Aber ein singulärer Satz folgt nicht aus einem allgemeinen Satz, außer durch die Vermittlung eines besonderen Satzes: so wird ein Mensch von einem Akt des Vatermordes durch das Wissen zurückgehalten, dass es falsch ist, den eigenen Vater zu töten, und dass dieser Mann sein Vater ist. Daher könnte Unwissenheit über einen dieser beiden Sätze, nämlich über das allgemeine Prinzip, welches eine Regel der Vernunft ist, oder über den besonderen Umstand, einen Akt des Vatermordes verursachen. Somit ist klar, dass nicht jede Art von Unwissenheit die Ursache einer Sünde ist, sondern nur jene, welche das Wissen beseitigt, das die sündhafte Handlung verhindern würde. Wenn folglich der Wille eines Menschen so beschaffen ist, dass er nicht vom Akt des Vatermordes zurückgehalten würde, selbst wenn er seinen Vater erkannte, so ist seine Unwissenheit über seinen Vater nicht die Ursache dafür, dass er die Sünde begeht, sondern sie ist begleitend zur Sünde: weshalb ein solcher Mensch nicht „aus Unwissenheit“, sondern „in Unwissenheit“ sündigt, wie der Philosoph feststellt (Ethic. iii, 1).
Antwort auf Einwand 1: Ein Nicht-Seiendes kann nicht die direkte Ursache von irgendetwas sein: aber es kann eine akzidentelle Ursache sein, nämlich als Beseitigung eines Hindernisses.
Antwort auf Einwand 2: Wie das Wissen, welches durch Unwissenheit beseitigt wird, die Sünde als Hinwendung zu etwas betrachtet, so ist auch die Unwissenheit über diese Hinsicht einer Sünde die Ursache jener Sünde, indem sie deren Hindernis beseitigt.
Antwort auf Einwand 3: Der Wille kann sich nicht dem zuwenden, was absolut unbekannt ist: aber wenn etwas in einer Hinsicht bekannt und in einer anderen unbekannt ist, kann der Wille es wollen. Auf diese Weise ist Unwissenheit die Ursache der Sünde: zum Beispiel, wenn ein Mensch weiß, dass das, was er tötet, ein Mensch ist, aber nicht, dass es sein eigener Vater ist; oder wenn jemand weiß, dass eine bestimmte Handlung lustvoll ist, aber nicht, dass sie eine Sünde ist.