I-II, q. 76 a. 4
Ob Unwissenheit eine Sünde vermindert?
Quaestio 76 · Von den Ursachen der Sünde im Besonderen.
Einwand 1: Es scheint, dass Unwissenheit eine Sünde nicht vermindert. Denn das, was allen Sünden gemeinsam ist, vermindert die Sünde nicht. Nun ist Unwissenheit allen Sünden gemeinsam, denn der Philosoph sagt (Ethic. iii, 1), dass „jeder schlechte Mensch unwissend ist“. Daher vermindert Unwissenheit die Sünde nicht.
Einwand 2: Ferner macht eine Sünde, die zu einer anderen hinzugefügt wird, eine größere Sünde. Aber Unwissenheit ist selbst eine Sünde, wie oben dargelegt wurde (Artikel [2]). Daher vermindert sie eine Sünde nicht.
Einwand 3: Ferner erschwert und vermindert dieselbe Sache nicht zugleich die Sünde. Nun erschwert Unwissenheit die Sünde; denn Ambrosius sagt im Kommentar zu Röm 2,4 („Weißt du nicht, dass die Güte Gottes dich zur Buße leitet?“): „Deine Sünde ist am schwersten, wenn du es nicht weißt.“ Daher vermindert Unwissenheit die Sünde nicht.
Einwand 4: Ferner, wenn irgendeine Art von Unwissenheit eine Sünde vermindert, so schiene dies hauptsächlich der Fall zu sein in Bezug auf die Unwissenheit, welche den Gebrauch der Vernunft gänzlich beseitigt. Nun vermindert diese Art von Unwissenheit die Sünde nicht, sondern vergrößert sie: denn der Philosoph sagt (Ethic. iii, 5), dass die „Strafe für einen betrunkenen Mann verdoppelt wird“. Daher vermindert Unwissenheit die Sünde nicht.
Dagegen spricht, dass alles, was ein Grund dafür ist, dass Sünde vergeben wird, die Sünde vermindert. Nun ist Unwissenheit ein solcher Grund, wie aus 1 Tim 1,13 klar wird: „Ich erlangte ... Barmherzigkeit ... weil ich es unwissend tat.“ Daher vermindert oder lindert Unwissenheit die Sünde.
Ich antworte darauf, dass, da jede Sünde freiwillig ist, Unwissenheit die Sünde insofern vermindern kann, als sie deren Freiwilligkeit vermindert; und wenn sie sie nicht weniger freiwillig macht, lindert sie die Sünde in keiner Weise. Nun ist es offensichtlich, dass die Unwissenheit, welche gänzlich von der Sünde entschuldigt (indem sie sie gänzlich unfreiwillig macht), eine Sünde nicht vermindert, sondern sie gänzlich beseitigt. Andererseits vermindert oder vergrößert Unwissenheit, welche nicht die Ursache dafür ist, dass die Sünde begangen wird, sondern begleitend zu ihr ist, die Sünde weder, noch vergrößert sie sie.
Daher kann Sünde durch keine Unwissenheit gelindert werden, außer durch eine solche, die eine Ursache dafür ist, dass die Sünde begangen wird, und doch nicht gänzlich von der Sünde entschuldigt. Nun geschieht es manchmal, dass eine derartige Unwissenheit direkt und wesenhaft freiwillig ist, wie wenn ein Mensch absichtlich unwissend ist, damit er freier sündigen kann, und Unwissenheit dieser Art scheint die Handlung eher freiwilliger und sündhafter zu machen, da er durch die Absicht des Willens zu sündigen bereit ist, den Schaden der Unwissenheit zu ertragen, um der Freiheit im Sündigen willen. Manchmal jedoch ist die Unwissenheit, welche die Ursache dafür ist, dass eine Sünde begangen wird, nicht direkt freiwillig, sondern indirekt oder akzidentell, wie wenn ein Mensch unwillig ist, hart an seinen Studien zu arbeiten, mit dem Ergebnis, dass er unwissend ist, oder wie wenn ein Mensch willentlich zu viel Wein trinkt, mit dem Ergebnis, dass er betrunken und unbesonnen wird, und diese Unwissenheit vermindert die Freiwilligkeit und lindert folglich die Sünde. Denn wenn eine Sache nicht als Sünde erkannt wird, kann nicht gesagt werden, dass der Wille der Sünde direkt zustimmt, sondern nur akzidentell; weshalb in jenem Fall weniger Verachtung und daher weniger Sünde vorliegt.
Antwort auf Einwand 1: Die Unwissenheit, wodurch „jeder schlechte Mensch unwissend ist“, ist nicht die Ursache dafür, dass Sünde begangen wird, sondern etwas, das aus jener Ursache resultiert, nämlich aus der Leidenschaft oder dem Habitus, der zur Sünde neigt.
Antwort auf Einwand 2: Eine Sünde, die zu einer anderen hinzugefügt wird, macht mehr Sünden, aber sie macht eine Sünde nicht immer größer, da die zwei Sünden vielleicht nicht zusammenfallen, sondern getrennt sind. Es kann geschehen, wenn die erste die zweite vermindert, dass die zwei zusammen nicht dieselbe Schwere haben, wie eine von ihnen allein hätte; so ist Mord eine schwerere Sünde, wenn er von einem Mann begangen wird, wenn er nüchtern ist, als wenn er von einem Mann begangen wird, wenn er betrunken ist, obwohl im letzteren Fall zwei Sünden vorliegen: weil Trunkenheit die Sündhaftigkeit der resultierenden Sünde mehr vermindert, als ihre eigene Schwere impliziert.
Antwort auf Einwand 3: Die Worte des Ambrosius können so verstanden werden, dass sie sich auf die einfach affektierte (absichtliche) Unwissenheit beziehen; oder sie können Bezug haben auf eine Spezies der Sünde der Undankbarkeit, deren höchster Grad ist, dass der Mensch sogar die Wohltaten ignoriert, die er empfangen hat; oder wiederum können sie eine Anspielung auf die Unwissenheit des Unglaubens sein, welche das Fundament des geistlichen Gebäudes untergräbt.
Antwort auf Einwand 4: Der betrunkene Mann verdient eine „doppelte Strafe“ für die zwei Sünden, die er begeht, nämlich Trunkenheit und die Sünde, die aus seiner Trunkenheit resultiert: und doch vermindert Trunkenheit, aufgrund der damit verbundenen Unwissenheit, die resultierende Sünde, und vielleicht mehr, als die Schwere der Trunkenheit impliziert, wie oben dargelegt (ad 2). Es könnte auch gesagt werden, dass die zitierten Worte sich auf eine Verordnung des Gesetzgebers namens Pittacus beziehen, der anordnete, dass Trunkenbolde strenger bestraft werden sollten, wenn sie jemanden angriffen; wobei er nicht die Nachsicht im Auge hatte, die der Trunkenbold beanspruchen könnte, sondern die Zweckmäßigkeit, da durch den Betrunkenen mehr Schaden angerichtet wird als durch den Nüchternen, wie der Philosoph bemerkt (Polit. ii).