I-II, q. 75 a. 3
Ob die Sünde eine äußere Ursache hat?
Quaestio 75 · Von den Ursachen der Sünde im Allgemeinen
1. Einwand: Es scheint, dass die Sünde keine äußere Ursache hat. Denn die Sünde ist ein freiwilliger Akt. Freiwillige Akte nun gehören zu Prinzipien, die in uns sind, so dass sie keine äußere Ursache haben. Also hat die Sünde keine äußere Ursache.
2. Einwand: Ferner, wie die Natur ein inneres Prinzip ist, so ist es auch der Wille. In den natürlichen Dingen nun kann die Sünde [der Defekt] auf keine andere als eine innere Ursache zurückzuführen sein; zum Beispiel ist die Geburt eines Monsters auf die Verderbnis irgendeines inneren Prinzips zurückzuführen. Also kann im moralischen Bereich die Sünde aus keiner anderen als einer inneren Ursache entstehen. Also hat sie keine äußere Ursache.
3. Einwand: Ferner, wenn die Ursache vervielfacht wird, wird die Wirkung vervielfacht. Je zahlreicher und gewichtiger nun die äußeren Verleitungen zur Sünde sind, desto weniger wird einem Menschen sein ungeordneter Akt als Sünde angerechnet. Also ist nichts Äußeres eine Ursache der Sünde.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Num 21,16): „Sind das nicht jene, die die Kinder Israels durch den Rat Bileams verführten und euch durch die Sünde von Peor dazu brachten, gegen den Herrn zu übertreten?“ Also kann etwas Äußeres eine Ursache der Sünde sein.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [2]), die innere Ursache der Sünde sowohl der Wille ist, als Vollender des sündhaften Aktes, als auch die Vernunft, als der gebührenden Regel ermangelnd, und das Begehrungsvermögen, als zur Sünde neigend. Dementsprechend könnte etwas Äußeres auf drei Weisen eine Ursache der Sünde sein: entweder indem es den Willen selbst unmittelbar bewegt, oder indem es die Vernunft bewegt, oder indem es das sinnliche Begehrungsvermögen bewegt. Nun kann, wie oben dargelegt (Quaestio [9], Artikel [6]; Quaestio [10], Artikel [4]), niemand den Willen innerlich bewegen außer Gott allein, der keine Ursache der Sünde sein kann, wie wir weiter unten beweisen werden (Quaestio [79], Artikel [1]). Daher folgt, dass nichts Äußeres eine Ursache der Sünde sein kann, außer indem es die Vernunft bewegt, wie ein Mensch oder Teufel durch Verleitung zur Sünde; oder indem es das sinnliche Begehrungsvermögen bewegt, wie gewisse äußere sinnliche Dinge es bewegen. Doch weder bewegt die äußere Verleitung die Vernunft mit Notwendigkeit in Angelegenheiten des Handelns, noch bewegen äußerlich vorgestellte Dinge mit Notwendigkeit das sinnliche Begehrungsvermögen, außer vielleicht, es sei auf eine gewisse Weise dazu disponiert; und selbst das sinnliche Begehrungsvermögen bewegt Vernunft und Willen nicht mit Notwendigkeit. Deshalb kann etwas Äußeres eine zur Sünde bewegende Ursache sein, aber nicht so, dass es eine hinreichende Ursache derselben wäre: und der Wille allein ist die hinreichende vollendende Ursache dafür, dass die Sünde vollbracht wird.
Antwort auf den 1. Einwand: Gerade aus der Tatsache, dass die äußeren Bewegursachen der Sünde nicht hinreichend und notwendig zur Sünde führen, folgt, dass es in unserer Macht bleibt, zu sündigen oder nicht zu sündigen.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Tatsache, dass die Sünde eine innere Ursache hat, verhindert nicht, dass sie eine äußere Ursache hat; denn nichts Äußeres ist eine Ursache der Sünde, außer durch das Medium der inneren Ursache, wie dargelegt.
Antwort auf den 3. Einwand: Wenn die äußeren Ursachen, die zur Sünde neigen, vervielfacht werden, werden die sündhaften Akte vervielfacht, weil sie sowohl in größerer Zahl als auch in größerer Häufigkeit zum sündhaften Akt neigen. Dennoch wird der Charakter der Schuld verringert, da dieser davon abhängt, dass der Akt freiwillig und in unserer Macht ist.