I-II, q. 75 a. 2
Ob die Sünde eine innere Ursache hat?
Quaestio 75 · Von den Ursachen der Sünde im Allgemeinen
1. Einwand: Es scheint, dass die Sünde keine innere Ursache hat. Denn das, was im Inneren eines Dinges ist, ist immer darin. Hätte also die Sünde eine innere Ursache, so würde der Mensch immer sündigen, da bei gegebener Ursache die Wirkung folgt.
2. Einwand: Ferner ist ein Ding nicht seine eigene Ursache. Die inneren Bewegungen eines Menschen aber sind Sünden. Also sind sie nicht die Ursache der Sünde.
3. Einwand: Ferner ist alles, was im Menschen ist, entweder natürlich oder freiwillig. Das Natürliche nun kann nicht die Ursache der Sünde sein, denn die Sünde ist gegen die Natur, wie Damascenus feststellt (De Fide Orth. ii, 3; iv, 21); während das Freiwillige, wenn es ungeordnet ist, bereits eine Sünde ist. Also kann nichts Innerliches die Ursache der ersten Sünde sein.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Duabus Anim. x, 10,11; Retract. i, 9), dass „der Wille die Ursache der Sünde ist“.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), die direkte Ursache der Sünde hinsichtlich des Aktes betrachtet werden muss. Nun können wir eine zweifache innere Ursache menschlicher Handlungen unterscheiden, eine entfernte, die andere eine nächste. Die nächste innere Ursache der menschlichen Handlung ist die Vernunft und der Wille, in Bezug auf welche der Mensch einen freien Willen hat; während die entfernte Ursache die Auffassung des sinnlichen Teils und auch das sinnliche Begehrungsvermögen ist. Denn so wie es auf das Urteil der Vernunft zurückzuführen ist, dass der Wille zu etwas in Übereinstimmung mit der Vernunft bewegt wird, so ist es auf eine Auffassung der Sinne zurückzuführen, dass das sinnliche Begehrungsvermögen zu etwas geneigt ist; welche Neigung manchmal den Willen und die Vernunft beeinflusst, wie wir weiter unten erklären werden (Quaestio [77], Artikel [1]). Dementsprechend kann eine doppelte innere Ursache der Sünde angegeben werden; eine nächste, seitens der Vernunft und des Willens; und die andere entfernte, seitens der Einbildungskraft oder des sinnlichen Begehrungsvermögens.
Da wir aber oben gesagt haben (Artikel [1], zu 3), dass die Ursache der Sünde irgendein scheinbares Gut als Beweggrund ist, dem jedoch der gebührende Beweggrund fehlt, nämlich die Regel der Vernunft oder das göttliche Gesetz, so gehört dieser Beweggrund, der ein scheinbares Gut ist, zur Auffassung der Sinne und zum Begehrungsvermögen; während der Mangel der gebührenden Regel zur Vernunft gehört, deren Natur es ist, diese Regel zu betrachten; und die Vollständigkeit des freiwilligen sündhaften Aktes gehört zum Willen, so dass der Akt des Willens, unter den Bedingungen, die wir gerade erwähnt haben, bereits eine Sünde ist.
Antwort auf den 1. Einwand: Das, was als seine natürliche Kraft in einem Ding ist, ist immer darin: aber das, was als der innere Akt der begehrenden oder auffassenden Kraft darin ist, ist nicht immer darin. Nun ist die Kraft des Willens die potenzielle Ursache der Sünde, wird aber durch die vorangehenden Bewegungen aktuell gemacht, sowohl des sinnlichen Teils an erster Stelle als auch danach der Vernunft. Denn weil den Sinnen ein Ding als begehrenswert vorgestellt wird und weil das Begehrungsvermögen geneigt ist, versäumt es die Vernunft manchmal, die gebührende Regel zu betrachten, so dass der Wille den Akt der Sünde hervorbringt. Da also die Bewegungen, die ihr vorausgehen, nicht immer aktuell sind, sündigt der Mensch auch nicht immer aktuell.
Antwort auf den 2. Einwand: Es ist nicht wahr, dass alle inneren Akte zur Substanz der Sünde gehören, denn diese besteht hauptsächlich im Akt des Willens; sondern einige gehen der Sünde selbst voraus und einige folgen ihr.
Antwort auf den 3. Einwand: Das, was die Sünde verursacht, insofern eine Kraft ihren Akt hervorbringt, ist natürlich; und wiederum ist die Bewegung des sinnlichen Teils, aus der die Sünde folgt, manchmal natürlich, wie zum Beispiel, wenn jemand aus Verlangen nach Nahrung sündigt. Doch resultiert die Sünde gerade dadurch als unnatürlich, dass die natürliche Regel versagt, die der Mensch seiner Natur gemäß beachten sollte.