I-II, q. 75 a. 1
Ob die Sünde eine Ursache hat?
Quaestio 75 · Von den Ursachen der Sünde im Allgemeinen
1. Einwand: Es scheint, dass die Sünde keine Ursache hat. Denn die Sünde hat den Charakter des Übels, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [71], Artikel [6]). Das Übel aber hat keine Ursache, wie Dionysius sagt (De div. nom. 4). Also hat die Sünde keine Ursache.
2. Einwand: Ferner ist eine Ursache das, woraus etwas mit Notwendigkeit folgt. Was aber notwendig ist, scheint keine Sünde zu sein, denn jede Sünde ist freiwillig. Also hat die Sünde keine Ursache.
3. Einwand: Ferner, wenn die Sünde eine Ursache hat, so ist diese Ursache entweder gut oder böse. Sie ist kein Gut, weil das Gute nichts als Gutes hervorbringt, denn „ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen“ (Mt 7,18). Ebenso wenig kann das Böse die Ursache der Sünde sein, weil das Übel der Strafe eine Folge der Sünde ist und das Übel der Schuld dasselbe ist wie die Sünde. Also hat die Sünde keine Ursache.
Dagegen spricht, dass alles, was geschieht, eine Ursache hat, denn gemäß Ijob 5,6 „geschieht nichts auf Erden ohne Ursache“. Die Sünde aber ist etwas, das geschieht; da sie ein „Wort, eine Tat oder ein Begehren gegen das Gesetz Gottes“ ist. Also hat die Sünde eine Ursache.
Ich antworte darauf, dass eine Sünde ein ungeordneter Akt ist. Insofern sie also ein Akt ist, kann sie eine direkte Ursache haben, so wie jeder andere Akt auch; insofern sie aber ungeordnet ist, hat sie eine Ursache in derselben Weise, wie eine Verneinung oder Beraubung eine Ursache haben kann. Einer Verneinung nun können zwei Ursachen zugeschrieben werden: erstens die Abwesenheit der Ursache der Bejahung; d. h. die Verneinung der Ursache selbst ist die Ursache der Verneinung an sich; da das Ergebnis der Entfernung der Ursache die Entfernung der Wirkung ist: so ist die Abwesenheit der Sonne die Ursache der Dunkelheit. Zweitens ist die Ursache einer Bejahung, der eine Verneinung folgt, die akzidentelle Ursache der resultierenden Verneinung: so verursacht das Feuer, indem es kraft seiner hauptsächlichen Tendenz Hitze verursacht, folglich eine Beraubung von Kälte. Das erste davon genügt, um eine einfache Verneinung zu verursachen. Da aber die Ungeordnetheit der Sünde und jedes Übels keine einfache Verneinung ist, sondern die Beraubung dessen, was etwas von Natur aus haben sollte, muss eine solche Ungeordnetheit notwendigerweise eine akzidentelle Wirkursache haben. Denn das, was natürlicherweise in einem Ding ist und sein sollte, fehlt niemals, außer aufgrund irgendeiner hindernden Ursache. Und dementsprechend pflegen wir zu sagen, dass das Übel, welches in einer gewissen Beraubung besteht, eine defiziente Ursache oder eine akzidentelle Wirkursache hat. Nun ist jede akzidentelle Ursache auf die direkte Ursache zurückführbar. Da also die Sünde hinsichtlich ihrer Ungeordnetheit eine akzidentelle Wirkursache hat und hinsichtlich des Aktes eine direkte Wirkursache, folgt daraus, dass die Ungeordnetheit der Sünde ein Ergebnis der Ursache des Aktes ist. Dementsprechend verursacht der Wille, dem die Ausrichtung auf die Regel der Vernunft und des göttlichen Gesetzes fehlt und der auf irgendein veränderliches Gut bedacht ist, den Akt der Sünde direkt und die Ungeordnetheit des Aktes indirekt und außerhalb der Absicht: denn der Mangel an Ordnung im Akt resultiert aus dem Mangel an Ausrichtung im Willen.
Antwort auf den 1. Einwand: Die Sünde bezeichnet nicht nur die Beraubung des Guten, welche Beraubung ihre Ungeordnetheit ist, sondern auch den Akt, der das Subjekt dieser Beraubung ist und der den Charakter des Übels hat: und wie dieses Übel eine Ursache hat, wurde erklärt.
Antwort auf den 2. Einwand: Wenn diese Definition in allen Fällen verifiziert werden soll, muss sie so verstanden werden, dass sie auf eine Ursache zutrifft, die hinreichend und nicht gehindert ist. Denn es kommt vor, dass ein Ding die hinreichende Ursache von etwas anderem ist und dass die Wirkung aufgrund irgendeines hinzukommenden Hindernisses nicht mit Notwendigkeit folgt: sonst würde folgen, dass alle Dinge mit Notwendigkeit geschehen, wie in Metaph. VI, Text 5 bewiesen wird. Obwohl also die Sünde eine Ursache hat, folgt daraus nicht, dass dies eine notwendige Ursache ist, da ihre Wirkung gehindert werden kann.
Antwort auf den 3. Einwand: Wie oben dargelegt, ist der Wille, indem er es versäumt, die Regel der Vernunft oder des göttlichen Gesetzes anzuwenden, die Ursache der Sünde. Die Tatsache nun, die Regel der Vernunft oder des göttlichen Gesetzes nicht anzuwenden, hat an sich nicht den Charakter des Übels, weder der Strafe noch der Schuld, bevor sie auf den Akt angewendet wird. Daher ist dementsprechend nicht das Böse die Ursache der ersten Sünde, sondern irgendein Gut, dem ein anderes Gut fehlt.