I-II, q. 70 a. 4
Ob die Früchte des Heiligen Geistes den Werken des Fleisches entgegengesetzt sind?
Quaestio 70 · Von den Früchten des Heiligen Geistes
Einwand 1: Es scheint, dass die Früchte des Heiligen Geistes nicht den Werken des Fleisches entgegengesetzt sind, die der Apostel aufzählt (Gal. 5,19 ff.). Denn Gegensätze gehören derselben Gattung an. Aber die Werke des Fleisches werden nicht Früchte genannt. Also sind die Früchte des Geistes ihnen nicht entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner hat ein Ding einen Gegensatz. Nun erwähnt der Apostel mehr Werke des Fleisches als Früchte des Geistes. Also sind die Früchte des Geistes und die Werke des Fleisches einander nicht entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner wird unter den Früchten des Geistes der erste Platz der Liebe, der Freude und dem Frieden gegeben: denen Unzucht, Unreinheit und Ausschweifung, welche die ersten der Werke des Fleisches sind, nicht entgegengesetzt sind. Also sind die Früchte des Geistes nicht den Werken des Fleisches entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Gal. 5,17), dass "das Fleisch gegen den Geist begehrt, und der Geist gegen das Fleisch."
Ich antworte darauf, dass die Werke des Fleisches und die Früchte des Geistes auf zwei Arten verstanden werden können. Erstens im Allgemeinen: und auf diese Weise sind die Früchte des Heiligen Geistes, im Allgemeinen betrachtet, den Werken des Fleisches entgegengesetzt. Denn der Heilige Geist bewegt den menschlichen Geist zu dem, was der Vernunft entspricht, oder vielmehr zu dem, was die Vernunft übersteigt: während das fleischliche, nämlich das sinnliche Begehren den Menschen zu sinnlichen Gütern zieht, die unter ihm sind. Da also Aufwärts und Abwärts in der physischen Ordnung entgegengesetzte Bewegungen sind, so sind in menschlichen Handlungen die Werke des Fleisches den Früchten des Geistes entgegengesetzt.
Zweitens können sowohl Früchte als auch fleischliche Werke, wie sie aufgezählt werden, einzeln betrachtet werden, jedes gemäß seiner spezifischen Natur. Und darin sind sie nicht notwendigerweise jedes jedem entgegengesetzt: weil, wie oben dargelegt (Artikel [3], ad 4), der Apostel nicht beabsichtigte, alle Werke aufzuzählen, seien sie geistlich oder fleischlich. Jedoch stellt Augustinus, indem er Gal. 5,22.23 kommentiert, durch eine Art Anpassung die Früchte den fleischlichen Werken gegenüber, jedes jedem. So "können wir der Unzucht, welche die Liebe zur Befriedigung der Lust außerhalb der rechtmäßigen Ehe ist, die Liebe (caritas) gegenüberstellen, wodurch die Seele mit Gott vermählt wird: worin auch die wahre Keuschheit liegt. Unter Unreinheit müssen wir alle Störungen verstehen, die aus der Unzucht entstehen: und diesen ist die Freude der Ruhe entgegengesetzt. Der Götzendienst, aufgrund dessen Krieg gegen das Evangelium Gottes geführt wurde, ist dem Frieden entgegengesetzt. Gegen Zaubereien, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Zorn und Zank gibt es die Langmut, die uns hilft, die Übel zu ertragen, die uns von denen zugefügt werden, unter denen wir wohnen; während die Freundlichkeit uns hilft, diese Übel zu heilen; und die Güte, sie zu vergeben. Im Gegensatz zur Häresie steht der Glaube; zum Neid die Sanftmut; zu Trunkenheit und Gelagen die Enthaltsamkeit."
Antwort auf Einwand 1: Das, was aus einem Baum gegen die Natur des Baumes hervorgeht, wird nicht seine Frucht genannt, sondern eher sein Verderbnis. Und da Werke der Tugend der Vernunft wesensverwandt sind, während Werke des Lasters der Natur entgegengesetzt sind, werden Werke der Tugend Früchte genannt, nicht aber Werke des Lasters.
Antwort auf Einwand 2: "Das Gute geschieht auf eine Weise, das Böse auf alle möglichen Weisen", wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv): so dass einer Tugend viele Laster entgegengesetzt sind. Folglich dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Werke des Fleisches zahlreicher sind als die Früchte des Geistes.
Die Antwort auf den dritten Einwand ist aus dem Gesagten klar.