I-II, q. 70 a. 1
Ob die Früchte des Heiligen Geistes, die der Apostel aufzählt (Gal. 5), Handlungen sind?
Quaestio 70 · Von den Früchten des Heiligen Geistes
Einwand 1: Es scheint, dass die Früchte des Heiligen Geistes, die der Apostel aufzählt (Gal. 5,22.23), keine Handlungen sind. Denn das, was Frucht bringt, sollte nicht selbst Frucht genannt werden, sonst ginge man ins Unendliche weiter. Unsere Handlungen aber bringen Frucht; denn es steht geschrieben (Weish. 3,15): "Die Frucht guter Arbeit ist herrlich", und (Joh 4,36): "Wer erntet, empfängt Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben." Also sind unsere Handlungen nicht Früchte zu nennen.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Trin. x, 10): "Wir genießen [fruimur, wovon das Wort fructus (Frucht) kommt] die Dinge, die wir erkennen, wenn der Wille in ihnen ruht und sich freut." Unser Wille aber sollte nicht um ihrer selbst willen in unseren Handlungen ruhen. Also sollten unsere Handlungen nicht Früchte genannt werden.
Einwand 3: Ferner zählt der Apostel unter den Früchten des Heiligen Geistes gewisse Tugenden auf, nämlich Liebe, Sanftmut, Treue und Keuschheit. Nun sind Tugenden aber keine Handlungen, sondern Habitus, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [55], Artikel [1]). Also sind die Früchte keine Handlungen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Mt 12,33): "An der Frucht wird der Baum erkannt"; das heißt, der Mensch wird an seinen Werken erkannt, wie heilige Männer diese Stelle erklären. Also werden menschliche Handlungen Früchte genannt.
Ich antworte darauf, dass das Wort "Frucht" vom Materiellen auf das Geistige übertragen wurde. Nun ist die Frucht unter den materiellen Dingen das Produkt einer Pflanze, wenn sie zur Vollendung kommt, und sie besitzt eine gewisse Süße. Diese Frucht hat eine zweifache Beziehung: zum Baum, der sie hervorbringt, und zu dem Menschen, der die Frucht vom Baum erntet. Dementsprechend können wir in geistigen Dingen das Wort "Frucht" auf zwei Arten verstehen: erstens so, dass die Frucht des Menschen, der mit dem Baum verglichen wird, das ist, was er hervorbringt; zweitens so, dass die Frucht des Menschen das ist, was er erntet.
Doch nicht alles, was der Mensch erntet, ist Frucht, sondern nur das, was das Letzte ist und Freude bereitet. Denn ein Mensch besitzt sowohl einen Acker als auch einen Baum, und doch werden diese nicht Früchte genannt; sondern nur das, was das Letzte ist, nämlich das, was der Mensch vom Acker und vom Baum zu gewinnen beabsichtigt. In diesem Sinne ist die Frucht des Menschen sein letztes Ziel, das zu seinem Genuss bestimmt ist.
Wenn wir jedoch unter der Frucht des Menschen ein Produkt des Menschen verstehen, dann werden menschliche Handlungen Früchte genannt: weil die Tätigkeit der zweite Akt des Tätigen ist und Freude bereitet, wenn sie ihm angemessen ist. Wenn also die Tätigkeit des Menschen aus dem Menschen kraft seiner Vernunft hervorgeht, so wird sie Frucht seiner Vernunft genannt; wenn sie aber aus ihm in Hinsicht auf eine höhere Kraft hervorgeht, welche die Kraft des Heiligen Geistes ist, dann wird die Tätigkeit des Menschen Frucht des Heiligen Geistes genannt, gleichsam als von einem göttlichen Samen stammend; denn es steht geschrieben (1 Joh 3,9): "Jeder, der aus Gott geboren ist, tut keine Sünde; denn Sein Same bleibt in ihm."
Antwort auf Einwand 1: Da die Frucht etwas Letztes und Endgültiges ist, hindert nichts daran, dass eine Frucht eine andere Frucht hervorbringt, so wie ein Ziel einem anderen untergeordnet ist. Und so sind unsere Werke, insofern sie vom Heiligen Geist, der in uns wirkt, hervorgebracht werden, Früchte; insofern sie aber auf das Ziel, das das ewige Leben ist, hingeordnet sind, sollten sie eher Blüten genannt werden; daher steht geschrieben (Sir 24,23): "Meine Blüten sind die Früchte der Ehre und des Reichtums."
Antwort auf Einwand 2: Wenn gesagt wird, dass der Wille sich an einer Sache um ihrer selbst willen erfreut, so kann dies auf zwei Arten verstanden werden. Erstens so, dass der Ausdruck "um... willen" die Zweckursache bezeichnet; und auf diese Weise erfreut sich der Mensch an nichts um seiner selbst willen, außer am letzten Ziel. Zweitens so, dass er die Formursache ausdrückt; und auf diese Weise kann sich ein Mensch an allem erfreuen, was aufgrund seiner Form erfreulich ist. So ist klar, dass ein Kranker sich an der Gesundheit erfreut um ihrer selbst willen, wie an einem Ziel; an einer wohlschmeckenden Medizin, nicht wie an einem Ziel, sondern wie an etwas Schmackhaftem; und an einer bitteren Medizin keineswegs um ihrer selbst willen, sondern nur um einer anderen Sache willen. Dementsprechend müssen wir sagen, dass der Mensch sich an Gott um Seiner selbst willen erfreuen muss, als an seinem letzten Ziel, und an tugendhaften Taten nicht als an seinem Ziel, sondern um ihrer innewohnenden Güte willen, die für den Tugendhaften erfreulich ist. Daher sagt Ambrosius (De Parad. xiii), dass tugendhafte Taten Früchte genannt werden, weil "sie jene, die sie besitzen, mit einer heiligen und echten Freude erquicken."
Antwort auf Einwand 3: Manchmal werden die Namen der Tugenden auf ihre Handlungen angewandt: so schreibt Augustinus (Tract. xl in Joan.): "Glaube heißt, das zu glauben, was du nicht siehst"; und (De Doctr. Christ. iii, 10): "Liebe ist die Bewegung der Seele, Gott und den Nächsten zu lieben." Auf diese Weise werden die Namen der Tugenden bei der Aufzählung der Früchte verwendet.