I-II, q. 70 a. 2
Ob sich die Früchte von den Seligpreisungen unterscheiden?
Quaestio 70 · Von den Früchten des Heiligen Geistes
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Früchte nicht von den Seligpreisungen unterscheiden. Denn die Seligpreisungen werden den Gaben zugeordnet, wie oben dargelegt (Quaestio [69], Artikel [1], ad 1). Aber die Gaben vervollkommnen den Menschen, insofern er vom Heiligen Geist bewegt wird. Also sind die Seligpreisungen selbst Früchte des Heiligen Geistes.
Einwand 2: Ferner, wie sich die Frucht des ewigen Lebens zur künftigen Seligkeit verhält, die im tatsächlichen Besitz besteht, so verhalten sich die Früchte des gegenwärtigen Lebens zu den Seligpreisungen des gegenwärtigen Lebens, die auf Hoffnung gründen. Nun ist die Frucht des ewigen Lebens identisch mit der künftigen Seligkeit. Also sind die Früchte des gegenwärtigen Lebens die Seligpreisungen.
Einwand 3: Ferner ist die Frucht ihrem Wesen nach etwas Letztes und Erfreuliches. Dies ist aber genau die Natur der Seligkeit, wie oben dargelegt (Quaestio [3], Artikel [1]; Quaestio [4], Artikel [1]). Also haben Frucht und Seligkeit dieselbe Natur und sollten folglich nicht voneinander unterschieden werden.
Dagegen spricht, dass Dinge, die in verschiedene Arten unterteilt werden, sich voneinander unterscheiden. Aber Früchte und Seligpreisungen werden in verschiedene Teile unterteilt, wie aus der Art ihrer Aufzählung ersichtlich ist. Also unterscheiden sich die Früchte von den Seligpreisungen.
Ich antworte darauf, dass für eine Seligpreisung mehr erforderlich ist als für eine Frucht. Denn für eine Frucht genügt es, dass sie etwas Letztes und Erfreuliches ist; für eine Seligpreisung hingegen muss es etwas Vollkommenes und Hervorragendes sein. Daher können alle Seligpreisungen Früchte genannt werden, aber nicht umgekehrt. Denn Früchte sind alle tugendhaften Taten, an denen man sich erfreut; die Seligpreisungen hingegen sind nur vollkommene Werke, die aufgrund ihrer Vollkommenheit eher den Gaben als den Tugenden zugeordnet werden, wie bereits dargelegt (Quaestio [69], Artikel [1], ad 1).
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument beweist, dass die Seligpreisungen Früchte sind, aber nicht, dass alle Früchte Seligpreisungen sind.
Antwort auf Einwand 2: Die Frucht des ewigen Lebens ist schlechthin letztgültig und vollkommen: daher unterscheidet sie sich in keiner Weise von der künftigen Seligkeit. Andererseits sind die Früchte des gegenwärtigen Lebens nicht schlechthin letztgültig und vollkommen; weshalb nicht alle Früchte Seligpreisungen sind.
Antwort auf Einwand 3: Für eine Seligpreisung ist mehr erforderlich als für eine Frucht, wie dargelegt wurde.