I-II, q. 7 a. 2
Ob Theologen die Umstände menschlicher Handlungen beachten sollten?
Quaestio 7 · Von den Umständen der menschlichen Handlungen
Einwand 1: Es scheint, dass Theologen die Umstände menschlicher Handlungen nicht beachten sollten. Denn Theologen betrachten menschliche Handlungen nicht anders als gemäß ihrer Qualität von gut oder böse. Es scheint aber, dass Umstände menschlichen Handlungen keine Qualität verleihen können; denn ein Ding wird niemals formell durch das qualifiziert, was außerhalb seiner ist, sondern durch das, was in ihm ist. Daher sollten Theologen die Umstände von Handlungen nicht beachten.
Einwand 2: Ferner sind Umstände die Akzidenzien von Handlungen. Ein Ding kann aber einer Unendlichkeit von Akzidenzien unterworfen sein; daher sagt der Philosoph (Metaph. vi, 2), dass „keine Kunst oder Wissenschaft das akzidentelle Sein betrachtet, außer allein die Kunst der Sophistik“. Daher hat der Theologe Umstände nicht zu betrachten.
Einwand 3: Ferner gehört die Betrachtung von Umständen dem Redner. Die Redekunst ist aber kein Teil der Theologie. Daher ist es nicht Sache des Theologen, Umstände zu betrachten.
Dagegen spricht, dass Unkenntnis der Umstände eine Handlung unfreiwillig macht, gemäß Damascener (De Fide Orth. ii, 24) und Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. xxxi.]. Unfreiwilligkeit aber entschuldigt von Sünde, deren Betrachtung dem Theologen zukommt. Daher sollten Umstände auch vom Theologen betrachtet werden.
Ich antworte darauf, dass Umstände aus einem dreifachen Grund unter die Betrachtung des Theologen fallen. Erstens, weil der Theologe menschliche Handlungen betrachtet, insofern der Mensch dadurch zur Glückseligkeit hingeleitet wird. Nun muss alles, was auf ein Ziel hingeleitet wird, diesem Ziel angemessen sein. Handlungen aber werden einem Ziel angemessen gemacht mittels einer gewissen Verhältnismäßigkeit, die aus den gebührenden Umständen resultiert. Daher hat der Theologe die Umstände zu betrachten. Zweitens, weil der Theologe menschliche Handlungen danach betrachtet, wie sie als gut oder böse, besser oder schlechter befunden werden: und diese Verschiedenheit hängt von Umständen ab, wie wir weiter unten sehen werden (Frage [18], Artikel [10],11; Frage [73], Artikel [7]). Drittens, weil der Theologe menschliche Handlungen unter dem Aspekt von Verdienst und Missverdienst betrachtet, was menschlichen Handlungen eigen ist; und hierfür ist es erforderlich, dass sie freiwillig sind. Nun wird eine menschliche Handlung als freiwillig oder unfreiwillig erachtet, je nach Kenntnis oder Unkenntnis der Umstände, wie oben dargelegt (Frage [6], Artikel [8]). Daher hat der Theologe Umstände zu betrachten.
Antwort auf Einwand 1: Das auf das Ziel gerichtete Gute wird als nützlich bezeichnet; und dies impliziert eine Art von Beziehung: weshalb der Philosoph sagt (Ethic. i, 6), dass „das Gute in der Gattung ‚Relation‘ das Nützliche ist“. Nun wird in der Gattung „Relation“ ein Ding nicht nur nach dem benannt, was dem Ding innewohnt, sondern auch nach dem, was ihm äußerlich ist: wie man an den Ausdrücken „rechts“ und „links“, „gleich“ und „ungleich“ und dergleichen sehen kann. Da demnach die Güte von Handlungen in ihrer Nützlichkeit für das Ziel besteht, hindert nichts daran, dass sie gut oder schlecht genannt werden gemäß ihrem Verhältnis zu äußeren Dingen, die ihnen angrenzen.
Antwort auf Einwand 2: Akzidenzien, die gänzlich zufällig sind, werden von jeder Kunst vernachlässigt, aufgrund ihrer Ungewissheit und Unendlichkeit. Aber derartige Akzidenzien sind nicht das, was wir Umstände nennen; denn obwohl Umstände, wie oben dargelegt (Artikel [1]), der Handlung äußerlich sind, stehen sie dennoch in einer Art Kontakt mit ihr, indem sie auf sie bezogen sind. Eigentümliche Akzidenzien jedoch fallen unter die Betrachtung der Kunst.
Antwort auf Einwand 3: Die Betrachtung der Umstände gehört dem Moralisten, dem Politiker und dem Redner. Dem Moralisten, insofern wir in Bezug auf die Umstände die Mitte der Tugend in menschlichen Handlungen und Leidenschaften finden oder verlieren. Dem Politiker und dem Redner, insofern Umstände Handlungen würdig für Lob oder Tadel, für Entschuldigung oder Anklage machen. Jedoch auf unterschiedliche Weise: denn wo der Redner überredet, urteilt der Politiker. Dem Theologen kommt diese Betrachtung auf alle vorgenannten Weisen zu: da ihm alle anderen Künste dienstbar sind: denn er hat tugendhafte und lasterhafte Handlungen zu betrachten, genau wie der Moralist; und mit dem Redner und Politiker betrachtet er Handlungen danach, wie sie Belohnung oder Bestrafung verdienen.