I-II, q. 7 a. 1
Ob ein Umstand ein Akzidens einer menschlichen Handlung ist?
Quaestio 7 · Von den Umständen der menschlichen Handlungen
Einwand 1: Es scheint, dass ein Umstand kein Akzidens einer menschlichen Handlung ist. Denn Tullius sagt (De Invent. Rhetor. i), ein Umstand sei das, woraus „der Redner seiner Beweisführung Autorität und Kraft verleiht“. Die Argumente des Redners werden aber hauptsächlich aus Dingen abgeleitet, die zum Wesen einer Sache gehören, wie die Definition, die Gattung, die Art und dergleichen, woraus nach Tullius der Redner auch seine Argumente schöpfen soll. Daher ist ein Umstand kein Akzidens einer menschlichen Handlung.
Einwand 2: Ferner ist das „In-sein“ dem Akzidens eigen. Das aber, was umgibt [circumstat], ist eher außen als innen. Daher sind die Umstände keine Akzidenzien menschlicher Handlungen.
Einwand 3: Ferner hat ein Akzidens kein Akzidens. Menschliche Handlungen selbst aber sind Akzidenzien. Daher sind die Umstände keine Akzidenzien von Handlungen.
Dagegen spricht, dass die besonderen Bedingungen eines jeden einzelnen Dinges seine individuierenden Akzidenzien genannt werden. Der Philosoph aber (Ethic. iii, 1) nennt die Umstände Einzeldinge [*{ta kath' ekasta}], d. h. die besonderen Bedingungen einer jeden Handlung. Daher sind die Umstände individuelle Akzidenzien menschlicher Handlungen.
Ich antworte darauf, dass, da gemäß dem Philosophen (Peri Herm. i) „Worte Zeichen für das sind, was wir verstehen“, es notwendig ist, dass wir bei der Benennung der Dinge dem Prozess der intellektuellen Erkenntnis folgen. Unsere intellektuelle Erkenntnis schreitet nun vom Bekannteren zum weniger Bekannten fort. Dementsprechend werden bei uns Namen von offensichtlicheren Dingen übertragen, um weniger offensichtliche Dinge zu bezeichnen: Und daher kommt es, wie in Metaph. x, 4 dargelegt, dass „der Begriff des Abstands von Dingen, die örtlich getrennt sind, auf alle Arten von Gegensätzen übertragen wurde“: und in gleicher Weise werden Worte, die eine örtliche Bewegung bezeichnen, verwendet, um alle anderen Bewegungen zu benennen, weil Körper, die durch einen Ort umschrieben sind, uns am besten bekannt sind. Und daher kommt es, dass das Wort „Umstand“ [circumstantia] von verorteten Dingen auf menschliche Handlungen übergegangen ist.
Bei verorteten Dingen nun sagt man von demjenigen, dass es etwas umgibt [circumstare], was außerhalb desselben ist, es aber berührt oder nahe bei ihm platziert ist. Dementsprechend werden alle Bedingungen, die außerhalb der Substanz einer Handlung liegen und doch in irgendeiner Weise die menschliche Handlung berühren, Umstände genannt. Was nun außerhalb der Substanz eines Dinges liegt, während es zu diesem Ding gehört, wird dessen Akzidens genannt. Daher sollten die Umstände menschlicher Handlungen deren Akzidenzien genannt werden.
Antwort auf Einwand 1: Der Redner verleiht seiner Beweisführung Kraft, erstens aus der Substanz der Handlung; und zweitens aus den Umständen der Handlung. So wird ein Mensch anklagbar, erstens dadurch, dass er eines Mordes schuldig ist; zweitens dadurch, dass er es heimtückisch oder aus Motiven der Gier oder zu einer heiligen Zeit oder an einem heiligen Ort getan hat, und so weiter. Und so heißt es in der zitierten Passage pointiert, dass der Redner „seiner Beweisführung Kraft hinzufügt“, als ob dies etwas Sekundäres wäre.
Antwort auf Einwand 2: Ein Ding wird auf zwei Arten als Akzidens von etwas bezeichnet. Erstens dadurch, dass es in diesem Ding ist: so wird die Weiße als ein Akzidens des Sokrates bezeichnet. Zweitens, weil es zusammen mit jenem Ding im selben Subjekt ist: so ist die Weiße ein Akzidens der Musikkunst, insofern sie im selben Subjekt zusammentreffen, so dass sie sich gewissermaßen berühren. Und in diesem Sinne werden Umstände als Akzidenzien menschlicher Handlungen bezeichnet.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (ad 2), wird ein Akzidens als Akzidens eines Akzidens bezeichnet, aufgrund der Tatsache, dass sie im selben Subjekt zusammentreffen. Dies geschieht jedoch auf zwei Arten. Erstens, insofern zwei Akzidenzien beide auf dasselbe Subjekt bezogen sind, ohne irgendeine Beziehung zueinander; wie die Weiße und die Musikkunst im Sokrates. Zweitens, wenn solche Akzidenzien aufeinander bezogen sind; wie wenn das Subjekt ein Akzidens mittels des anderen empfängt; zum Beispiel empfängt ein Körper Farbe mittels seiner Oberfläche. Und so wird auch ein Akzidens als in einem anderen seiend bezeichnet; denn wir sprechen von der Farbe als in der Oberfläche seiend.
Dementsprechend sind Umstände auf beide Arten auf Handlungen bezogen. Denn einige Umstände, die eine Beziehung zu Handlungen haben, gehören dem Handelnden anders als durch die Handlung zu; wie Ort und Bedingung der Person; wohingegen andere dem Handelnden aufgrund der Handlung zugehören, wie die Art und Weise, in der die Handlung vollzogen wird.