I-II, q. 69 a. 4
Ob die Belohnungen der Seligpreisungen angemessen aufgezählt sind?
Quaestio 69 · Von den Seligpreisungen
Einwand 1: Es scheint, dass die Belohnungen der Seligpreisungen unangemessen aufgezählt sind. Denn das Himmelreich, welches das ewige Leben ist, enthält alle guten Dinge. Daher sollten, wenn das Himmelreich gegeben ist, keine anderen Belohnungen erwähnt werden.
Einwand 2: Ferner wird das Himmelreich als Belohnung sowohl der ersten als auch der achten Seligpreisung zugeordnet. Daher hätte es aus demselben Grund allen zugeordnet werden sollen.
Einwand 3: Ferner sind die Seligpreisungen in aufsteigender Ordnung angeordnet, wie Augustinus bemerkt (De Serm. Dom. in Monte i, 4): wohingegen die Belohnungen in absteigender Ordnung platziert zu sein scheinen, da „das Land zu besitzen“ weniger ist, als „das Himmelreich“ zu besitzen. Also sind diese Belohnungen unangemessen aufgezählt.
Dagegen spricht die Autorität unseres Herrn, der diese Belohnungen vorgetragen hat.
Ich antworte darauf, dass diese Belohnungen höchst angemessen zugeordnet sind, wenn man die Natur der Seligpreisungen in Bezug auf die drei oben (Artikel [3]) angezeigten Arten von Glück betrachtet. Denn die ersten drei Seligpreisungen betrafen den Rückzug des Menschen von jenen Dingen, in denen das sinnliche Glück besteht: welches Glück der Mensch begehrt, indem er den Gegenstand seines natürlichen Begehrens nicht dort sucht, wo er ihn suchen sollte, nämlich in Gott, sondern in zeitlichen und vergänglichen Dingen. Weshalb die Belohnungen der ersten drei Seligpreisungen jenen Dingen entsprechen, die manche Menschen im irdischen Glück zu finden suchen. Denn Menschen suchen in äußeren Dingen, nämlich Reichtümern und Ehren, eine gewisse Vorzüglichkeit und Fülle, die beide im Himmelreich impliziert sind, wodurch der Mensch zur Vorzüglichkeit und Fülle der guten Dinge in Gott gelangt. Daher verhieß unser Herr den Armen im Geiste das Himmelreich. Ferner suchen grausame und unbarmherzige Menschen durch Zank und Kampf ihre Feinde zu vernichten, um Sicherheit für sich selbst zu gewinnen. Daher verhieß unser Herr den Sanftmütigen einen sicheren und friedlichen Besitz des Landes der Lebenden, wodurch die feste Realität der ewigen Güter bezeichnet wird. Ferner suchen Menschen Trost für die Mühsale des gegenwärtigen Lebens in den Begierden und Vergnügungen der Welt. Daher verheißt unser Herr jenen Trost, die trauern.
Zwei andere Seligpreisungen gehören zu den Werken des aktiven Glücks, welche die Werke der Tugenden sind, die den Menschen in seinen Beziehungen zu seinem Nächsten leiten: von welchen Operationen sich manche Menschen durch ungeordnete Liebe zu ihrem eigenen Gut zurückziehen. Daher ordnet unser Herr diesen Seligpreisungen Belohnungen zu in Entsprechung zu den Motiven, aus denen Menschen von ihnen zurückweichen. Denn es gibt einige, die von Akten der Gerechtigkeit zurückweichen und, statt das Geschuldete zu leisten, Hand an das legen, was nicht das ihre ist, damit sie an zeitlichen Gütern Überfluss haben. Weshalb unser Herr jenen, die nach Gerechtigkeit hungern, verhieß, dass sie gesättigt werden sollen. Einige wiederum weichen von Werken der Barmherzigkeit zurück, damit sie nicht mit dem Elend anderer Leute beschäftigt seien. Daher verhieß unser Herr den Barmherzigen, dass sie Barmherzigkeit erlangen und von allem Elend befreit werden sollten.
Die letzten zwei Seligpreisungen gehören zum kontemplativen Glück oder zur kontemplativen Seligkeit: daher sind die Belohnungen in Entsprechung zu den Dispositionen zugeordnet, die im Verdienst enthalten sind. Denn Reinheit des Auges disponiert einen dazu, klar zu sehen: daher wird den Reinen im Herzen verheißen, dass sie Gott schauen werden. Ferner zeigt das Friedenstiften, sei es in sich selbst oder unter anderen, dass ein Mensch ein Nachfolger Gottes ist, der der Gott der Einheit und des Friedens ist. Daher wird ihm als Belohnung die Herrlichkeit der Gotteskindschaft verheißen, die in der vollkommenen Vereinigung mit Gott durch vollendete Weisheit besteht.
Antwort auf Einwand 1: Wie Chrysostomus sagt (Hom. xv in Matth.), sind alle diese Belohnungen in der Realität eins, nämlich die ewige Glückseligkeit, die der menschliche Intellekt nicht erfassen kann. Daher war es notwendig, sie mittels verschiedener uns bekannter Wohltaten zu beschreiben, unter Wahrung der gebührenden Proportion zu den Verdiensten, denen jene Belohnungen zugeordnet sind.
Antwort auf Einwand 2: So wie die achte Seligpreisung eine Bestätigung aller Seligpreisungen ist, so verdient sie alle Belohnungen der Seligpreisungen. Daher kehrt sie zur ersten zurück, damit wir verstehen, dass ihr alle anderen Belohnungen infolgedessen zugeschrieben werden. Oder aber, gemäß Ambrosius (Super Luc. v), wird das Himmelreich den Armen im Geiste verheißen in Bezug auf die Herrlichkeit der Seele; aber jenen, die Verfolgung an ihren Leibern erleiden, wird es verheißen in Bezug auf die Herrlichkeit des Leibes.
Antwort auf Einwand 3: Die Belohnungen sind ebenfalls in aufsteigender Ordnung angeordnet. Denn es ist mehr, das Land des himmlischen Reiches zu besitzen, als es einfach zu haben: da wir viele Dinge haben, ohne sie fest und friedlich zu besitzen. Ferner ist es mehr, im Reich getröstet zu werden, als es zu haben und zu besitzen, denn es gibt viele Dinge, deren Besitz von Kummer begleitet ist. Ferner ist es mehr, gesättigt zu werden, als einfach getröstet zu werden, weil Sättigung eine Fülle des Trostes impliziert. Und Barmherzigkeit übertrifft die Sättigung, denn dadurch empfängt der Mensch mehr, als er verdiente oder zu begehren fähig war. Und noch mehr ist es, Gott zu schauen, so wie der ein größerer Mann ist, der nicht nur bei Hofe speist, sondern auch das Antlitz des Königs sieht. Schließlich gebührt der höchste Platz im königlichen Palast dem Sohn des Königs.