I-II, q. 69 a. 1
Ob sich die Seligpreisungen von den Tugenden und Gaben unterscheiden?
Quaestio 69 · Von den Seligpreisungen
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Seligpreisungen nicht von den Tugenden und Gaben unterscheiden. Denn Augustinus (De Serm. Dom. in Monte i, 4) ordnet die von Matthäus (V. 3 ff.) aufgezählten Seligpreisungen den Gaben des Heiligen Geistes zu; und Ambrosius schreibt in seinem Kommentar zu Lukas 6,20 ff. die dort erwähnten Seligpreisungen den vier Kardinaltugenden zu. Also unterscheiden sich die Seligpreisungen nicht von den Tugenden und Gaben.
Einwand 2: Ferner gibt es nur zwei Regeln des menschlichen Willens: die Vernunft und das ewige Gesetz, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [19], Artikel [3]; Quaestio [21], Artikel [1]). Nun vervollkommnen die Tugenden den Menschen in Bezug auf die Vernunft, während die Gaben ihn in Bezug auf das ewige Gesetz des Heiligen Geistes vervollkommnen, wie aus dem Gesagten hervorgeht (Quaestio [68], Artikel [1], 3 ff.). Daher kann es nichts anderes geben, was zur Richtigkeit des menschlichen Willens gehört, außer den Tugenden und Gaben. Also unterscheiden sich die Seligpreisungen nicht von ihnen.
Einwand 3: Ferner sind unter den Seligpreisungen Sanftmut, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit enthalten, welche als Tugenden bezeichnet werden. Also unterscheiden sich die Seligpreisungen nicht von den Tugenden und Gaben.
Dagegen spricht, dass einiges unter den Seligpreisungen enthalten ist, was weder Tugenden noch Gaben sind, z. B. Armut, Trauer und Frieden. Also unterscheiden sich die Seligpreisungen von den Tugenden und Gaben.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Quaestio [2], Artikel [7]; Quaestio [3], Artikel [1]), die Glückseligkeit das letzte Ziel des menschlichen Lebens ist. Nun sagt man, jemand besitze das Ziel bereits, wenn er hofft, es zu besitzen; weshalb der Philosoph sagt (Ethic. i, 9), dass „Kinder glücklich genannt werden, weil sie voll der Hoffnung sind“; und der Apostel sagt (Röm 8,24): „Auf Hoffnung hin sind wir gerettet.“ Ferner hoffen wir, ein Ziel zu erlangen, weil wir in geeigneter Weise auf dieses Ziel hin bewegt werden und uns ihm nähern; und dies schließt eine gewisse Tätigkeit ein. Und ein Mensch wird zum glückseligen Ziel bewegt und nähert sich ihm durch Werke der Tugend und vor allem durch die Werke der Gaben, wenn wir von der ewigen Glückseligkeit sprechen, für welche unsere Vernunft nicht ausreicht, da wir vom Heiligen Geist bewegt und durch seine Gaben vervollkommnet werden müssen, damit wir ihm gehorchen und folgen können. Folglich unterscheiden sich die Seligpreisungen von den Tugenden und Gaben nicht wie ein Habitus [vom anderen], sondern wie der Akt vom Habitus.
Antwort auf Einwand 1: Augustinus und Ambrosius ordnen die Seligpreisungen den Gaben und Tugenden zu, wie Akte den Habitus zugeschrieben werden. Aber die Gaben sind vorzüglicher als die Kardinaltugenden, wie oben dargelegt (Quaestio [68], Artikel [8]). Deshalb ordnet Ambrosius, der die der Menge vorgetragenen Seligpreisungen erklärt, diese den Kardinaltugenden zu, wohingegen Augustinus, der die den Jüngern auf dem Berg übermittelten Seligpreisungen erklärt – und somit jenen, die vollkommener waren –, diese den Gaben des Heiligen Geistes zuschreibt.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument beweist, dass keine anderen Habitus außer den Tugenden und Gaben das menschliche Verhalten berichtigen.
Antwort auf Einwand 3: Sanftmut ist hier als Bezeichnung für den Akt der Sanftmut zu nehmen; und dasselbe gilt für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und obwohl diese als Tugenden erscheinen mögen, werden sie dennoch den Gaben zugeschrieben, weil die Gaben den Menschen in allen Dingen vervollkommnen, worin ihn [auch] die Tugenden vervollkommnen, wie oben dargelegt (Quaestio [68], Artikel [2]).