I-II, q. 64 a. 4
Ob die theologischen Tugenden die Mitte einhalten?
Quaestio 64 · Von der Mitte der Tugend
Einwand 1: Es scheint, dass die theologische Tugend die Mitte einhält. Denn das Gute anderer Tugenden besteht darin, dass sie die Mitte einhalten. Nun übertreffen die theologischen Tugenden die anderen an Güte. Daher hält die theologische Tugend umso mehr die Mitte ein.
Einwand 2: Weiterhin hängt die Mitte der sittlichen Tugend davon ab, dass das Strebevermögen von der Vernunft geregelt wird; während die Mitte der intellektuellen Tugend darin besteht, dass der Intellekt an den Dingen gemessen wird. Nun vervollkommnet die theologische Tugend sowohl den Intellekt als auch das Strebevermögen, wie oben dargelegt (Frage [62], Artikel [3]). Daher hält auch die theologische Tugend die Mitte ein.
Einwand 3: Weiterhin ist die Hoffnung, die eine theologische Tugend ist, eine Mitte zwischen Verzweiflung und Vermessenheit. Ebenso hält der Glaube einen mittleren Kurs zwischen gegensätzlichen Häresien, wie Boethius feststellt (De Duab. Natur. vii): so halten wir, indem wir eine Person und zwei Naturen in Christus bekennen, die Mitte zwischen der Häresie des Nestorius, der die Existenz von zwei Personen und zwei Naturen behauptete, und der Häresie des Eutyches, der an einer Person und einer Natur festhielt. Daher hält die theologische Tugend die Mitte ein.
Dagegen spricht, Wo immer die Tugend die Mitte einhält, ist es möglich, sowohl durch Übermaß als auch durch Mangel zu sündigen. Aber es gibt kein Sündigen durch Übermaß gegen Gott, der der Gegenstand der theologischen Tugend ist: denn es steht geschrieben (Sir 43,33): „Preist den Herrn und erhöht ihn, so sehr ihr könnt: denn er ist über alles Lob erhaben.“ Daher hält die theologische Tugend nicht die Mitte ein.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [1]), hängt die Mitte der Tugend von der Übereinstimmung mit der Regel oder dem Maß der Tugend ab, insofern man dieses Maß überschreiten oder dahinter zurückbleiben kann. Nun kann das Maß der theologischen Tugend zweifach sein. Eines ist von der Natur der Tugend selbst genommen, und so ist das Maß und die Regel der theologischen Tugend Gott selbst: weil unser Glaube gemäß der göttlichen Wahrheit geregelt ist; die Liebe gemäß Seiner Güte; die Hoffnung gemäß der Unermesslichkeit Seiner Allmacht und Güte. Dieses Maß übersteigt alle menschliche Kraft: so dass wir Gott niemals so sehr lieben können, wie Er geliebt werden sollte, noch so sehr an Ihn glauben und auf Ihn hoffen können, wie wir sollten. Viel weniger kann es daher in solchen Dingen ein Übermaß geben. Dementsprechend besteht das Gute solcher Tugenden nicht in einer Mitte, sondern nimmt zu, je mehr wir uns dem Gipfel nähern.
Die andere Regel oder das andere Maß der theologischen Tugend ist durch den Vergleich mit uns gegeben: denn obwohl wir nicht so sehr zu Gott hingetragen werden können, wie wir sollten, so sollten wir uns Ihm doch durch Glauben, Hoffen und Lieben nähern, gemäß dem Maß unserer Verfassung. Folglich ist es möglich, eine Mitte und Extreme in der theologischen Tugend zu finden, akzidentell und in Bezug auf uns.
Antwort auf Einwand 1: Das Gute der intellektuellen und sittlichen Tugenden besteht in einer Mitte der Vernunft durch Übereinstimmung mit einem Maß, das überschritten werden kann: wohingegen dies im Falle der theologischen Tugend, in sich selbst betrachtet, nicht so ist, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 2: Sittliche und intellektuelle Tugenden vervollkommnen unseren Intellekt und unser Strebevermögen in Beziehung zu einem geschaffenen Maß und einer geschaffenen Regel; wohingegen die theologischen Tugenden sie in Beziehung zu einer ungeschaffenen Regel und einem ungeschaffenen Maß vervollkommnen. Weshalb der Vergleich fehlgeht.
Antwort auf Einwand 3: Die Hoffnung hält die Mitte zwischen Vermessenheit und Verzweiflung ein, in Beziehung zu uns, insofern nämlich ein Mensch vermessen genannt wird, weil er hofft, von Gott ein Gut zu empfangen, das über seine Verfassung hinausgeht; oder verzweifelt, weil er es versäumt, auf das zu hoffen, worauf er gemäß seiner Verfassung hoffen könnte. Aber es kann kein Übermaß an Hoffnung im Vergleich zu Gott geben, dessen Güte unendlich ist. In gleicher Weise hält der Glaube einen mittleren Kurs zwischen gegensätzlichen Häresien, nicht im Vergleich zu seinem Gegenstand, welcher Gott ist, an den wir nicht zu viel glauben können; sondern insofern die menschliche Meinung selbst eine mittlere Position zwischen gegensätzlichen Meinungen einnimmt, wie oben erklärt wurde.