I-II, q. 63 a. 4
Ob die Tugend durch Gewöhnung zur selben Spezies gehört wie die eingegossene Tugend?
Quaestio 63 · Von der Ursache der Tugenden
1. Einwand: Es scheint, dass die eingegossene Tugend sich in der Spezies nicht von der erworbenen Tugend unterscheidet. Denn erworbene und eingegossene Tugenden unterscheiden sich, gemäß dem, was gesagt wurde (Artikel [3]), scheinbar nur in Bezug auf das letzte Ziel. Nun werden menschliche Gewohnheiten und Akte nicht durch ihr letztes, sondern durch ihr nächstes Ziel spezifiziert. Daher unterscheidet sich die eingegossene moralische oder intellektuelle Tugend nicht von der erworbenen Tugend.
2. Einwand: Ferner werden Gewohnheiten durch ihre Akte erkannt. Aber der Akt der eingegossenen und der erworbenen Mäßigung ist derselbe, nämlich die Begierden des Tastsinns zu mäßigen. Daher unterscheiden sie sich nicht in der Spezies.
3. Einwand: Ferner unterscheiden sich erworbene und eingegossene Tugend wie das, was unmittelbar von Gott gewirkt ist, von dem, was von einem Geschöpf gewirkt ist. Aber der Mensch, den Gott machte, ist von derselben Spezies wie ein natürlich gezeugter Mensch; und das Auge, das Er dem blindgeborenen Mann gab, ist wie eines, das durch die Kraft der Zeugung hervorgebracht wurde. Daher scheint es, dass erworbene und eingegossene Tugend zur selben Spezies gehören.
Dagegen spricht, dass jede Änderung, die in den Unterschied eingeführt wird, der in einer Definition ausgedrückt ist, einen Unterschied der Spezies impliziert. Aber die Definition der eingegossenen Tugend enthält die Worte: „die Gott in uns ohne uns wirkt“, wie oben festgestellt (Quaestio [55], Artikel [4]). Daher ist die erworbene Tugend, auf welche diese Worte nicht zutreffen können, nicht von derselben Spezies wie die eingegossene Tugend.
Ich antworte darauf, dass es einen zweifachen spezifischen Unterschied unter den Gewohnheiten gibt. Der erste, wie oben festgestellt (Quaestio [54], Artikel [2]; Quaestio [56], Artikel [2]; Quaestio [60], Artikel [1]), wird von den spezifischen und formalen Aspekten ihrer Objekte genommen. Nun ist das Objekt jeder Tugend ein Gutes, betrachtet in der dieser Tugend eigenen Materie: so ist das Objekt der Mäßigung ein Gutes in Bezug auf die Vergnügungen, die mit der Begierde des Tastsinns verbunden sind. Der formale Aspekt dieses Objekts stammt von der Vernunft, welche die Mitte in diesen Begierden festlegt: während das materielle Element etwas seitens der Begierden ist. Nun ist es offensichtlich, dass die Mitte, die in solch gleichen Begierden gemäß der Regel der menschlichen Vernunft bestimmt wird, unter einem anderen Aspekt gesehen wird als die Mitte, die gemäß der göttlichen Regel festgelegt ist. Zum Beispiel ist beim Verzehr von Speisen die durch die menschliche Vernunft festgelegte Mitte, dass die Speise der Gesundheit des Körpers nicht schaden und den Gebrauch der Vernunft nicht behindern soll: wohingegen es dem Menschen gemäß der göttlichen Regel geziemt, „seinen Körper zu züchtigen und ihn in Knechtschaft zu führen“ (1 Kor 9,27), durch Enthaltsamkeit in Speise, Trank und dergleichen. Es ist daher offensichtlich, dass eingegossene und erworbene Mäßigung sich in der Spezies unterscheiden; und dasselbe gilt für die anderen Tugenden.
Der andere spezifische Unterschied unter den Gewohnheiten wird von den Dingen genommen, auf die sie ausgerichtet sind: denn die Gesundheit eines Menschen und die eines Pferdes sind nicht von derselben Spezies, aufgrund des Unterschieds zwischen den Naturen, auf die ihre jeweiligen Gesundheiten ausgerichtet sind. Im selben Sinne sagt der Philosoph (Polit. iii, 3), dass Bürger verschiedene Tugenden haben, je nachdem, wie sie gut auf verschiedene Regierungsformen ausgerichtet sind. In derselben Weise unterscheiden sich auch jene eingegossenen moralischen Tugenden, durch die sich Menschen gut verhalten in Bezug darauf, dass sie „Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ sind (Eph 2,19), von den erworbenen Tugenden, durch die sich der Mensch in Bezug auf menschliche Angelegenheiten gut verhält.
Antwort auf den 1. Einwand: Eingegossene und erworbene Tugend unterscheiden sich nicht nur in Bezug auf das letzte Ziel, sondern auch in Bezug auf ihre eigenen Objekte, wie festgestellt.
Antwort auf den 2. Einwand: Sowohl erworbene als auch eingegossene Mäßigung mäßigen Begierden nach Vergnügungen des Tastsinns, aber aus unterschiedlichen Gründen, wie festgestellt: weshalb ihre jeweiligen Akte nicht identisch sind.
Antwort auf den 3. Einwand: Gott gab dem blindgeborenen Mann ein Auge für denselben Akt wie den Akt, für den andere Augen natürlich gebildet sind: folglich war es von derselben Spezies. Es wäre dasselbe, wenn Gott einem Menschen wunderbarerweise Tugenden geben wollte, wie jene, die durch Akte erworben werden. Aber so verhält es sich nicht in der vorliegenden Frage, wie festgestellt.