I-II, q. 63 a. 2
Ob irgendeine Tugend in uns durch Gewöhnung verursacht wird?
Quaestio 63 · Von der Ursache der Tugenden
1. Einwand: Es scheint, dass Tugenden nicht durch Gewöhnung in uns verursacht werden können. Denn eine Glosse von Augustinus [*Vgl. Lib. Sentent. Prosperi cvi.], die Röm 14,23 kommentiert („Alles, was nicht aus dem Glauben kommt, ist Sünde“), besagt: „Das ganze Leben eines Ungläubigen ist Sünde: und es gibt kein Gutes ohne das Höchste Gut. Wo die Erkenntnis der Wahrheit fehlt, ist Tugend selbst bei den sittsamsten Menschen nur Schein.“ Nun kann der Glaube nicht durch Werke erworben werden, sondern wird in uns durch Gott verursacht, gemäß Eph 2,8: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben.“ Daher kann keine erworbene Tugend durch Gewöhnung in uns sein.
2. Einwand: Ferner sind Sünde und Tugend Gegensätze, so dass sie unvereinbar sind. Nun kann der Mensch die Sünde nicht vermeiden außer durch die Gnade Gottes, gemäß Weish 8,21: „Ich wusste, dass ich nicht anders enthaltsam sein könnte, wenn Gott es nicht gäbe.“ Daher können auch keine Tugenden in uns durch Gewöhnung verursacht werden, sondern nur durch die Gabe Gottes.
3. Einwand: Ferner mangelt es Handlungen, die zur Tugend führen, an der Vollkommenheit der Tugend. Aber eine Wirkung kann nicht vollkommener sein als ihre Ursache. Daher kann eine Tugend nicht durch Handlungen verursacht werden, die ihr vorausgehen.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. iv), das Gute sei wirksamer als das Böse. Aber lasterhafte Gewohnheiten werden durch böse Akte verursacht. Viel mehr also können tugendhafte Gewohnheiten durch gute Akte verursacht werden.
Ich antworte darauf, dass wir oben (Quaestio [51], Artikel [2], 3) allgemein über die Entstehung von Gewohnheiten aus Akten gesprochen haben; und wenn wir nun in besonderer Weise über diese Materie in Bezug auf die Tugend sprechen, müssen wir beachten, dass, wie oben festgestellt (Quaestio [55], Artikel [3], 4), die Tugend des Menschen ihn in Bezug auf das Gute vervollkommnet. Da nun der Begriff des Guten in „Maß, Gestalt und Ordnung“ besteht, wie Augustinus feststellt (De Nat. Boni. iii), oder in „Zahl, Gewicht und Maß“, wie in Weish 11,21 ausgedrückt, muss das Gute des Menschen notwendigerweise in Bezug auf eine Regel bewertet werden. Diese Regel ist nun zweifach, wie oben festgestellt (Quaestio [19], Artikel [3], 4), nämlich die menschliche Vernunft und das göttliche Gesetz. Und da das göttliche Gesetz die höhere Regel ist, erstreckt es sich auf mehr Dinge, so dass alles, was durch die menschliche Vernunft geregelt wird, auch durch das göttliche Gesetz geregelt wird; aber die Umkehrung gilt nicht.
Daraus folgt, dass menschliche Tugend, die auf das Gute ausgerichtet ist, welches gemäß der Regel der menschlichen Vernunft definiert ist, durch menschliche Akte verursacht werden kann: insofern solche Akte aus der Vernunft hervorgehen, durch deren Kraft und Regel das besagte Gute begründet wird. Andererseits kann Tugend, die den Menschen auf das Gute ausrichtet, wie es durch das göttliche Gesetz und nicht durch die menschliche Vernunft definiert ist, nicht durch menschliche Akte verursacht werden, deren Prinzip die Vernunft ist, sondern sie wird in uns allein durch das göttliche Wirken hervorgebracht. Daher fügt Augustinus bei der Definition der letzteren Tugend die Worte ein: „die Gott in uns ohne uns wirkt“ (Super Ps. 118, Serm. xxvi). Auf diese Tugenden bezieht sich auch der erste Einwand.
Antwort auf den 2. Einwand: Die Todsünde ist unvereinbar mit der göttlich eingegossenen Tugend, besonders wenn diese in ihrem vollkommenen Zustand betrachtet wird. Aber die aktuelle Sünde, selbst die Todsünde, ist vereinbar mit der menschlich erworbenen Tugend; weil der Gebrauch einer Gewohnheit in uns unserem Willen unterliegt, wie oben festgestellt (Quaestio [49], Artikel [3]): und ein einziger sündhafter Akt zerstört nicht eine Gewohnheit der erworbenen Tugend, da nicht ein Akt, sondern eine Gewohnheit direkt einer Gewohnheit entgegengesetzt ist. Daher, obwohl der Mensch die Todsünde ohne Gnade nicht so vermeiden kann, dass er niemals tödlich sündigt, wird er doch nicht daran gehindert, eine Gewohnheit der Tugend zu erwerben, durch die er sich in der Mehrzahl der Fälle vom Bösen enthalten kann, und hauptsächlich in Angelegenheiten, die der Vernunft am meisten widersprechen. Es gibt auch gewisse Todsünden, die der Mensch ohne Gnade keineswegs vermeiden kann, jene nämlich, die direkt den theologischen Tugenden entgegengesetzt sind, welche durch die Gabe der Gnade in uns sind. Dies wird jedoch später ausführlicher erklärt werden (Quaestio [109], Artikel [4]).
Antwort auf den 3. Einwand: Wie oben festgestellt (Artikel [1]; Quaestio [51], Artikel [1]), präexistieren gewisse Keime oder Prinzipien der erworbenen Tugend von Natur aus in uns. Diese Prinzipien sind vorzüglicher als die durch sie erworbenen Tugenden: so ist das Verständnis der spekulativen Prinzipien vorzüglicher als die Wissenschaft der Schlussfolgerungen, und die natürliche Richtigkeit der Vernunft ist vorzüglicher als die Richtigstellung des Begehrens, die dadurch entsteht, dass das Begehren an der Vernunft teilhat, welche Richtigstellung zur moralischen Tugend gehört. Dementsprechend können menschliche Akte, insofern sie aus höheren Prinzipien hervorgehen, erworbene menschliche Tugenden verursachen.