I-II, q. 63 a. 3
Ob irgendwelche moralischen Tugenden durch Eingießung in uns sind?
Quaestio 63 · Von der Ursache der Tugenden
1. Einwand: Es scheint, dass keine Tugenden außer den theologischen Tugenden uns von Gott eingegossen werden. Denn Gott tut nicht durch sich selbst, außer vielleicht manchmal wunderbarerweise, jene Dinge, die durch Zweitursachen getan werden können; denn wie Dionysius sagt (Coel. Hier. iv), „ist es Gottes Regel, die Extreme durch die Mitte herbeizuführen“. Nun können intellektuelle und moralische Tugenden in uns durch unsere Akte verursacht werden, wie oben festgestellt (Artikel [2]). Daher ist es nicht vernünftig, dass sie in uns durch Eingießung verursacht werden sollten.
2. Einwand: Ferner findet sich in Gottes Werken viel weniger Überflüssiges als in den Werken der Natur. Nun genügen die theologischen Tugenden, um uns auf das übernatürliche Gute auszurichten. Daher gibt es keine anderen übernatürlichen Tugenden, die von Gott in uns verursacht werden müssten.
3. Einwand: Ferner wendet die Natur nicht zwei Mittel an, wo eines genügt: viel weniger tut dies Gott. Aber Gott säte die Keime der Tugend in unsere Seelen, gemäß einer Glosse zu Hebr 1 [*Vgl. Hieronymus zu Gal 1, 15.16]. Daher ist es unpassend für Ihn, in uns andere Tugenden mittels Eingießung zu verursachen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Weish 8,7): „Sie lehrt Mäßigung und Klugheit und Gerechtigkeit und Tapferkeit.“
Ich antworte darauf, dass Wirkungen notwendigerweise ihren Ursachen und Prinzipien proportioniert sein müssen. Nun entstehen alle Tugenden, intellektuelle und moralische, die durch unsere Handlungen erworben werden, aus gewissen natürlichen Prinzipien, die in uns präexistieren, wie oben festgestellt (Artikel [1]; Quaestio [51], Artikel [1]): anstelle dieser natürlichen Prinzipien verleiht Gott uns die theologischen Tugenden, durch die wir auf ein übernatürliches Ziel ausgerichtet werden, wie festgestellt (Quaestio [62], Artikel [1]). Daher müssen wir von Gott andere Gewohnheiten empfangen, die in angemessener Proportion den theologischen Tugenden entsprechen, welche Gewohnheiten sich zu den theologischen Tugenden so verhalten, wie sich die moralischen und intellektuellen Tugenden zu den natürlichen Prinzipien der Tugend verhalten.
Antwort auf den 1. Einwand: Einige moralische und intellektuelle Tugenden können in der Tat durch unsere Handlungen in uns verursacht werden: aber solche sind den theologischen Tugenden nicht proportioniert. Daher war es notwendig, dass wir von Gott unmittelbar andere empfangen, die diesen Tugenden proportioniert sind.
Antwort auf den 2. Einwand: Die theologischen Tugenden richten uns hinreichend auf unser übernatürliches Ziel aus, der Anlage nach: d. h. auf Gott selbst unmittelbar. Aber die Seele bedarf darüber hinaus der Vervollkommnung durch eingegossene Tugenden in Bezug auf andere Dinge, jedoch in Beziehung zu Gott.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Kraft jener natürlich eingepflanzten Prinzipien reicht nicht über die Kapazität der Natur hinaus. Folglich bedarf der Mensch zusätzlich der Vervollkommnung durch andere Prinzipien in Beziehung auf sein übernatürliches Ziel.