I-II, q. 63 a. 1
Ob die Tugend von Natur aus in uns ist?
Quaestio 63 · Von der Ursache der Tugenden
1. Einwand: Es scheint, dass die Tugend von Natur aus in uns ist. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 14): „Die Tugenden sind uns natürlich und befinden sich gleichermaßen in uns allen.“ Und Antonius sagt in seiner Predigt an die Mönche: „Wenn der Wille der Natur widerspricht, ist er verkehrt; wenn er der Natur folgt, ist er tugendhaft.“ Überdies sagt eine Glosse zu Mt 4,23 („Jesus zog umher“ usw.): „Er lehrte sie die natürlichen Tugenden, d. h. Keuschheit, Gerechtigkeit, Demut, welche der Mensch von Natur aus besitzt.“
2. Einwand: Ferner besteht das tugendhafte Gute in der Übereinstimmung mit der Vernunft, wie oben deutlich gezeigt wurde (Quaestio [55], Artikel [4], ad 2). Was aber der Vernunft entspricht, ist dem Menschen natürlich; denn die Vernunft ist Teil der Natur des Menschen. Also ist die Tugend von Natur aus im Menschen.
3. Einwand: Ferner wird das, was uns von Geburt an innewohnt, als uns natürlich bezeichnet. Nun sind Tugenden in einigen von Geburt an; denn es steht geschrieben (Ijob 31,18): „Von meiner Kindheit an wuchs das Erbarmen mit mir auf; und es kam mit mir aus dem Schoß meiner Mutter.“ Also ist die Tugend von Natur aus im Menschen.
Dagegen spricht, dass alles, was dem Menschen von Natur aus innewohnt, allen Menschen gemeinsam ist und nicht durch Sünde weggenommen wird, da selbst in den Dämonen die natürlichen Gaben verbleiben, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Die Tugend aber ist nicht in allen Menschen; und sie wird durch die Sünde ausgetrieben. Daher ist sie nicht von Natur aus im Menschen.
Ich antworte darauf, dass bezüglich der körperlichen Formen von einigen behauptet wurde, sie seien gänzlich von innen her, so etwa von jenen, welche die Theorie der „verborgenen Formen“ vertraten [*Anaxagoras; vgl. FP, Quaestio [45], Artikel [8]; Quaestio [65], Artikel [4]]. Andere vertraten die Ansicht, die Formen seien gänzlich von außen, wie jene, die dachten, körperliche Formen entstünden durch eine separate Ursache. Andere jedoch erachteten, dass sie teilweise von innen sind, insofern sie potentiell in der Materie präexistieren, und teilweise von außen, insofern sie durch das Agens in den Akt überführt werden.
In gleicher Weise vertraten einige bezüglich der Wissenschaften und Tugenden die Meinung, sie seien gänzlich von innen, so dass alle Tugenden und Wissenschaften der Seele von Natur aus präexistieren würden, aber die Hindernisse für Wissenschaft und Tugend, die daher rühren, dass die Seele durch den Körper beschwert wird, durch Studium und Übung beseitigt werden, so wie Eisen durch Polieren glänzend gemacht wird. Dies war die Meinung der Platoniker. Andere sagten, sie seien gänzlich von außen und entstünden durch den Einfluss des tätigen Intellekts (intellectus agens), wie Avicenna behauptete. Andere sagten, dass Wissenschaften und Tugenden von Natur aus in uns sind, insofern wir eine Anlage zu ihnen haben, nicht aber in ihrer Vollendung: Dies ist die Lehre des Philosophen (Ethic. ii, 1), und sie kommt der Wahrheit näher.
Um dies zu verdeutlichen, muss beachtet werden, dass etwas auf zweifache Weise als dem Menschen natürlich bezeichnet wird: zum einen gemäß seiner spezifischen Natur (Art-Natur), zum anderen gemäß seiner individuellen Natur. Und da jedes Ding seine Spezies von seiner Form und seine Individuation von der Materie erhält, und da ferner die Form des Menschen seine vernunftbegabte Seele ist, seine Materie aber sein Körper, so ist alles, was ihm hinsichtlich seiner vernunftbegabten Seele zukommt, ihm natürlich hinsichtlich seiner spezifischen Natur; was ihm aber hinsichtlich der besonderen Beschaffenheit seines Körpers zukommt, ist ihm natürlich hinsichtlich seiner individuellen Natur. Denn was dem Menschen hinsichtlich seines Körpers, betrachtet als Teil seiner Spezies, natürlich ist, muss in gewisser Weise auf die Seele bezogen werden, insofern dieser bestimmte Körper dieser bestimmten Seele angepasst ist.
In beiden Weisen ist die Tugend dem Menschen der Anlage nach (inchoative) natürlich. Dies gilt hinsichtlich der spezifischen Natur, insofern in der Vernunft des Menschen von Natur aus gewisse natürlich erkannte Prinzipien sowohl des Wissens als auch des Handelns eingepflanzt sind, welche die Keimzellen der intellektuellen und moralischen Tugenden sind, und insofern im Willen ein natürliches Verlangen nach dem Guten in Übereinstimmung mit der Vernunft besteht. Wiederum gilt dies hinsichtlich der individuellen Natur, insofern aufgrund einer Disposition im Körper einige entweder gut oder schlecht zu bestimmten Tugenden disponiert sind: weil nämlich gewisse sinnliche Vermögen Akte bestimmter Körperteile sind, nach deren Disposition diese Vermögen in der Ausübung ihrer Akte unterstützt oder behindert werden, und folglich auch die rationalen Vermögen, denen die besagten sinnlichen Vermögen zuarbeiten. Auf diese Weise hat ein Mensch eine natürliche Eignung für die Wissenschaft, ein anderer für die Tapferkeit, ein anderer für die Mäßigung: und auf diese Weisen sind sowohl intellektuelle als auch moralische Tugenden in uns im Wege einer natürlichen Eignung, der Anlage nach, aber nicht vollkommen, da die Natur auf eines festgelegt ist, während die Vollkommenheit dieser Tugenden nicht von einer einzigen Handlungsweise abhängt, sondern von verschiedenen Weisen, hinsichtlich der verschiedenen Materien, welche den Wirkungskreis der Tugend bilden, und gemäß verschiedenen Umständen.
Es ist daher offensichtlich, dass alle Tugenden in uns von Natur aus sind, gemäß der Eignung und der Anlage, aber nicht gemäß der Vollendung, mit Ausnahme der theologischen Tugenden, die gänzlich von außen sind.
Dies genügt für die Erwiderungen auf die Einwände. Denn die ersten beiden argumentieren über die Keimzellen der Tugend, die in uns von Natur aus sind, insofern wir vernunftbegabte Wesen sind. Der dritte Einwand muss in dem Sinne verstanden werden, dass aufgrund der natürlichen Disposition, die der Körper von Geburt an hat, der eine eine Eignung zum Mitleid hat, ein anderer zu mäßigem Leben, ein anderer zu einer anderen Tugend.