I-II, q. 55 a. 4
Ob die Tugend angemessen definiert ist?
Quaestio 55 · Von den Tugenden hinsichtlich ihres Wesens
Einwand 1: Es scheint, dass die gewöhnlich gegebene Definition der Tugend nicht angemessen ist, nämlich: „Tugend ist eine gute Qualität des Geistes, durch welche wir recht leben, deren niemand schlecht gebraucht, welche Gott in uns ohne uns wirkt.“ Denn Tugend ist die Güte des Menschen, da es die Tugend ist, die ihr Subjekt gut macht. Aber Güte scheint nicht gut zu sein, wie auch Weiße nicht weiß ist. Es ist daher unangemessen, Tugend als eine „gute Qualität“ zu beschreiben.
Einwand 2: Ferner ist kein Unterschied allgemeiner als seine Gattung; da er das ist, was die Gattung teilt. Aber das Gute ist allgemeiner als Qualität, da es mit dem Seienden konvertibel ist. Daher sollte „gut“ nicht in die Definition der Tugend aufgenommen werden, als ein Unterschied der Qualität.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De Trin. xii, 3): „Wenn wir auf etwas stoßen, das uns und den Tieren des Feldes nicht gemeinsam ist, so ist es etwas, das zum Geist gehört.“ Aber es gibt Tugenden auch der irrationalen Teile; wie der Philosoph sagt (Ethic. iii, 10). Nicht jede Tugend ist daher eine gute Qualität „des Geistes“.
Einwand 4: Ferner scheint Rechtschaffenheit zur Gerechtigkeit zu gehören; weshalb die Rechtschaffenen gerecht genannt werden. Aber Gerechtigkeit ist eine Art der Tugend. Es ist daher unangemessen, „recht“ in die Definition der Tugend aufzunehmen, wenn wir sagen, dass Tugend das ist, „wodurch wir recht leben“.
Einwand 5: Ferner, wer stolz auf eine Sache ist, gebraucht sie schlecht. Aber viele sind stolz auf Tugend, denn Augustinus sagt in seiner Regel, dass „der Stolz den guten Werken auflauert, um sie zu töten“. Es ist daher unwahr, „dass niemand von der Tugend schlechten Gebrauch machen kann“.
Einwand 6: Ferner wird der Mensch durch Tugend gerechtfertigt. Aber Augustinus sagt im Kommentar zu Joh 15,11: „Er wird größere Dinge tun als diese“ [Tract. xxvii in Joan.: Serm. xv de Verb. Ap. 11]: „Er, der dich ohne dich erschaffen hat, wird dich nicht ohne dich rechtfertigen.“ Es ist daher unangemessen zu sagen, dass „Gott Tugend in uns ohne uns wirkt“.
Dagegen spricht, dass wir die Autorität des Augustinus haben, aus dessen Worten diese Definition gesammelt ist, und hauptsächlich in De Libero Arbitrio ii, 19.
Ich antworte darauf, dass diese Definition den ganzen Wesensbegriff der Tugend vollkommen umfasst. Denn der vollkommene Wesensbegriff einer Sache wird aus all ihren Ursachen gesammelt. Nun umfasst die obige Definition alle Ursachen der Tugend. Denn die Formalursache der Tugend, wie von allem, wird aus ihrer Gattung und ihrem Unterschied gesammelt, wenn sie als „eine gute Qualität“ definiert wird: denn „Qualität“ ist die Gattung der Tugend, und der Unterschied „gut“. Aber die Definition wäre angemessener, wenn wir für „Qualität“ „Habitus“ einsetzen würden, was die nächste Gattung ist.
Nun hat die Tugend keine Materie, „aus der“ sie geformt ist, wie auch kein anderes Akzidens; aber sie hat Materie, „über die“ sie sich befasst, und Materie, „in der“ sie existiert, nämlich das Subjekt. Die Materie, über die sich die Tugend befasst, ist ihr Gegenstand, und dieser konnte nicht in die obige Definition aufgenommen werden, weil der Gegenstand die Tugend auf eine bestimmte Art festlegt, und hier geben wir die Definition der Tugend im Allgemeinen. Und so haben wir für die Materialursache das Subjekt, das erwähnt wird, wenn wir sagen, dass Tugend eine gute Qualität „des Geistes“ ist.
Das Ziel der Tugend ist, da sie ein operativer Habitus ist, die Tätigkeit. Aber es muss beachtet werden, dass einige operative Habitus immer auf das Böse bezogen sind, wie lasterhafte Habitus: andere sind manchmal auf das Gute, manchmal auf das Böse bezogen; zum Beispiel bezieht sich die Meinung sowohl auf das Wahre als auch auf das Unwahre: wohingegen Tugend ein Habitus ist, der immer auf das Gute bezogen ist: und so wird die Unterscheidung der Tugend von jenen Habitus, die immer auf das Böse bezogen sind, in den Worten ausgedrückt „durch welche wir recht leben“: und ihre Unterscheidung von jenen Habitus, die manchmal auf das Gute, manchmal auf das Böse gerichtet sind, in den Worten „deren niemand schlecht gebraucht“.
Schließlich ist Gott die Wirkursache der eingegossenen Tugend, auf welche diese Definition zutrifft; und dies wird in den Worten ausgedrückt „welche Gott in uns ohne uns wirkt“. Wenn wir diesen Satz weglassen, wird der Rest der Definition auf alle Tugenden im Allgemeinen zutreffen, ob erworben oder eingegossen.
Antwort auf Einwand 1: Das, was zuerst vom Intellekt erfasst wird, ist das Sein: weshalb wir alles, was wir erfassen, als seiend betrachten, und folglich als eines, und als gut, welche mit dem Seienden konvertibel sind. Weshalb wir sagen, dass Wesenheit seiend ist und eins ist und gut ist; und dass Einheit seiend und eins und gut ist: und in gleicher Weise die Güte. Aber dies ist nicht der Fall bei spezifischen Formen, wie Weiße und Gesundheit; denn alles, was wir erfassen, wird nicht mit dem Begriff von weiß und gesund erfasst. Wir müssen jedoch beachten, dass, wie Akzidenzien und nicht-subsistierende Formen Seiendes genannt werden, nicht als ob sie selbst Sein hätten, sondern weil Dinge durch sie sind; so werden sie auch gut oder eins genannt, nicht durch irgendeine unterschiedene Güte oder Einheit, sondern weil durch sie etwas gut oder eins ist. So wird auch Tugend gut genannt, weil durch sie etwas gut ist.
Antwort auf Einwand 2: Das Gute, das in die Definition der Tugend gesetzt wird, ist nicht das Gute im Allgemeinen, das mit dem Seienden konvertibel ist und das weiter reicht als Qualität, sondern das Gute, wie es durch die Vernunft bestimmt ist, in Bezug worauf Dionysius sagt (Div. Nom. iv), „dass das Gute der Seele darin besteht, in Übereinstimmung mit der Vernunft zu sein“.
Antwort auf Einwand 3: Tugend kann nicht im irrationalen Teil der Seele sein, außer insofern dieser an der Vernunft teilhat (Ethic. i, 13). Und deshalb ist die Vernunft oder der Geist das eigentliche Subjekt der Tugend.
Antwort auf Einwand 4: Gerechtigkeit hat eine eigene Rechtschaffenheit, durch die sie jene äußeren Dinge richtigstellt, die in den menschlichen Gebrauch kommen und die eigentliche Materie der Gerechtigkeit sind, wie wir weiter unten zeigen werden (Frage [60], Artikel [2]; SS, Frage [58], Artikel [8]). Aber die Rechtschaffenheit, die die Ordnung auf ein geschuldetes Ziel und auf das göttliche Gesetz bezeichnet, welches die Regel des menschlichen Willens ist, wie oben dargelegt (Frage [19], Artikel [4]), ist allen Tugenden gemeinsam.
Antwort auf Einwand 5: Man kann von einer Tugend objektiv schlechten Gebrauch machen, zum Beispiel indem man böse Gedanken über eine Tugend hat, z. B. indem man sie hasst oder stolz auf sie ist: aber man kann von der Tugend nicht schlechten Gebrauch machen als Prinzip des Handelns, sodass ein Akt der Tugend böse wäre.
Antwort auf Einwand 6: Die eingegossene Tugend wird in uns von Gott ohne irgendeine Handlung unsererseits verursacht, aber nicht ohne unsere Zustimmung. Dies ist der Sinn der Worte „welche Gott in uns ohne uns wirkt“. Was jene Dinge betrifft, die von uns getan werden, so verursacht Gott sie in uns, doch nicht ohne Handlung unsererseits, denn Er wirkt in jedem Willen und in jeder Natur.