I-II, q. 55 a. 2
Ob die menschliche Tugend ein auf Tätigkeit gerichteter (operativer) Habitus ist?
Quaestio 55 · Von den Tugenden hinsichtlich ihres Wesens
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht zum Wesen der menschlichen Tugend gehört, ein operativer Habitus zu sein. Denn Cicero sagt (Tuscul. iv), dass wie Gesundheit und Schönheit zum Körper gehören, so die Tugend zur Seele. Aber Gesundheit und Schönheit sind keine operativen Habitus. Also ist es auch die Tugend nicht.
Einwand 2: Ferner finden wir in den natürlichen Dingen Tugend nicht nur in Bezug auf den Akt, sondern auch in Bezug auf das Sein: wie aus dem Philosophen (De Coelo i) hervorgeht, da einige eine Tugend haben, immer zu sein, während andere eine Tugend haben, nicht immer zu sein, sondern zu einer bestimmten Zeit. Wie nun die natürliche Tugend in den natürlichen Dingen ist, so ist die menschliche Tugend in den vernunftbegabten Wesen. Daher bezieht sich auch die menschliche Tugend nicht nur auf den Akt, sondern auch auf das Sein.
Einwand 3: Ferner sagt der Philosoph (Phys. vii, text. 17), dass Tugend „die Disposition eines vollkommenen Dinges zum Besten hin“ ist. Das Beste nun, zu dem der Mensch durch Tugend disponiert werden muss, ist Gott selbst, wie Augustinus beweist (De Moribus Eccl. 3, 6, 14), zu Dem die Seele disponiert wird, indem sie Ihm ähnlich gemacht wird. Daher scheint es, dass Tugend eine Qualität der Seele in Bezug auf Gott ist, die sie Ihm gleichsam ähnlich macht; und nicht in Bezug auf eine Tätigkeit. Sie ist daher kein operativer Habitus.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethic. ii, 6) sagt: „Die Tugend eines Dinges ist das, was sein Werk gut macht.“
Ich antworte darauf, dass Tugend, schon von der Natur des Wortes her, eine gewisse Vollkommenheit des Vermögens impliziert, wie wir oben gesagt haben (Artikel [1]). Da nun Vermögen [Das eine lateinische Wort ‚potentia‘ wird im ersten Fall mit ‚Potenz‘/‚Möglichkeit‘, im zweiten mit ‚Vermögen‘/‚Kraft‘ wiedergegeben] zweierlei Art ist, nämlich Vermögen in Bezug auf das Sein und Vermögen in Bezug auf den Akt, wird die Vollkommenheit eines jeden von diesen Tugend genannt. Aber das Vermögen in Bezug auf das Sein liegt aufseiten der Materie, die potentielles Sein ist, wohingegen das Vermögen in Bezug auf den Akt aufseiten der Form liegt, die das Prinzip des Handelns ist, da alles insoweit handelt, als es im Akt ist.
Nun ist der Mensch so beschaffen, dass der Körper die Stelle der Materie einnimmt, die Seele die der Form. Den Körper hat der Mensch in der Tat mit anderen Tieren gemeinsam; und dasselbe gilt für die Kräfte, die der Seele und dem Körper gemeinsam sind: und nur jene Kräfte, die der Seele eigen sind, nämlich die rationalen Kräfte, gehören dem Menschen allein an. Und deshalb kann die menschliche Tugend, von der wir jetzt sprechen, nicht zum Körper gehören, sondern gehört nur zu dem, was der Seele eigen ist. Daher impliziert die menschliche Tugend keinen Bezug auf das Sein, sondern vielmehr auf den Akt. Folglich gehört es zum Wesen der menschlichen Tugend, ein operativer Habitus zu sein.
Antwort auf Einwand 1: Die Art des Handelns folgt aus der Disposition des Handelnden: denn wie ein Ding ist, so ist sein Akt. Und deshalb, da Tugend das Prinzip einer gewissen Art von Tätigkeit ist, muss im Handelnden in Bezug auf die Tugend notwendigerweise eine entsprechende Disposition vorher existieren. Nun verursacht Tugend eine geordnete Tätigkeit. Daher ist die Tugend selbst eine geordnete Disposition der Seele, insofern nämlich die Kräfte der Seele in gewisser Weise aufeinander und auf das, was außen ist, geordnet sind. Daher ist die Tugend, insofern sie eine angemessene Disposition der Seele ist, wie Gesundheit und Schönheit, die angemessene Dispositionen des Körpers sind. Aber dies hindert die Tugend nicht daran, ein Prinzip der Tätigkeit zu sein.
Antwort auf Einwand 2: Tugend, die auf das Sein bezogen ist, ist dem Menschen nicht eigentümlich; sondern nur jene Tugend, die auf Werke der Vernunft bezogen ist, welche dem Menschen eigentümlich sind.
Antwort auf Einwand 3: Da Gottes Substanz sein Akt ist, besteht die höchste Ähnlichkeit des Menschen mit Gott in Bezug auf eine gewisse Tätigkeit. Daher besteht, wie wir oben gesagt haben (Frage [3], Artikel [2]), das Glück oder die Seligkeit, durch welche der Mensch Gott am vollkommensten gleichförmig gemacht wird und welche das Ziel des menschlichen Lebens ist, in einer Tätigkeit.