I-II, q. 55 a. 1
Ob die menschliche Tugend ein Habitus ist?
Quaestio 55 · Von den Tugenden hinsichtlich ihres Wesens
Einwand 1: Es scheint, dass die menschliche Tugend kein Habitus ist: Denn die Tugend ist „das Äußerste des Vermögens“ (De Coelo i, text. 116). Das Äußerste eines Dinges aber lässt sich auf die Gattung dessen zurückführen, dessen Äußerstes es ist; wie der Punkt auf die Gattung der Linie zurückgeführt wird. Daher ist die Tugend auf die Gattung des Vermögens zurückzuführen und nicht auf die Gattung des Habitus.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Lib. Arb. ii), dass „Tugend der gute Gebrauch des freien Willens ist“. Der Gebrauch des freien Willens aber ist ein Akt. Also ist die Tugend kein Habitus, sondern ein Akt.
Einwand 3: Ferner verdienen wir nicht durch unsere Habitus, sondern durch unsere Handlungen: sonst würde ein Mensch fortwährend verdienen, selbst im Schlaf. Wir verdienen aber durch unsere Tugenden. Also sind Tugenden keine Habitus, sondern Akte.
Einwand 4: Ferner sagt Augustinus (De Moribus Eccl. xv), dass „Tugend die Ordnung der Liebe ist“, und (Quaest. 83, qu. 30), dass „die Ordnung, welche Tugend genannt wird, darin besteht, das zu genießen, was wir genießen sollen, und das zu gebrauchen, was wir gebrauchen sollen“. Ordnung oder Anordnung bezeichnet nun entweder eine Handlung oder eine Relation. Also ist die Tugend kein Habitus, sondern eine Handlung oder eine Relation.
Einwand 5: Ferner gibt es, so wie es menschliche Tugenden gibt, auch natürliche Tugenden. Natürliche Tugenden aber sind keine Habitus, sondern Vermögen. Also sind auch menschliche Tugenden keine Habitus.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Categor. vi), Wissenschaft und Tugend seien Habitus.
Ich antworte darauf, dass Tugend eine gewisse Vollkommenheit eines Vermögens bezeichnet. Die Vollkommenheit eines Dinges aber wird hauptsächlich im Hinblick auf sein Ziel betrachtet. Das Ziel des Vermögens aber ist der Akt. Daher wird ein Vermögen insoweit als vollkommen bezeichnet, als es auf seinen Akt hin bestimmt ist.
Nun gibt es einige Vermögen, die von sich aus auf ihre Akte bestimmt sind; zum Beispiel die aktiven natürlichen Vermögen. Und deshalb werden diese natürlichen Vermögen an sich Tugenden genannt. Die rationalen Vermögen jedoch, die dem Menschen eigen sind, sind nicht auf eine bestimmte Handlung festgelegt, sondern neigen indifferent zu vielen: und sie werden durch Habitus auf Akte hin bestimmt, wie aus dem oben Gesagten klar hervorgeht (Frage [49], Artikel [4]). Daher sind menschliche Tugenden Habitus.
Antwort auf Einwand 1: Manchmal geben wir den Namen einer Tugend dem, worauf die Tugend gerichtet ist, nämlich entweder ihrem Gegenstand oder ihrem Akt: zum Beispiel geben wir den Namen Glaube dem, was wir glauben, oder dem Akt des Glaubens, wie auch dem Habitus, durch den wir glauben. Wenn wir also sagen, dass „Tugend das Äußerste des Vermögens ist“, wird Tugend für den Gegenstand der Tugend genommen. Denn der äußerste Punkt, den ein Vermögen erreichen kann, wird seine Tugend genannt; wenn zum Beispiel ein Mensch einen Zentner tragen kann und nicht mehr, wird seine Tugend [Im Deutschen würden wir ‚Kraft‘ sagen, was die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen ‚virtus‘ ist] auf einen Zentner angesetzt und nicht auf sechzig. Der Einwand aber fasst Tugend so auf, als sei sie wesenhaft das Äußerste des Vermögens.
Antwort auf Einwand 2: Der gute Gebrauch des freien Willens wird im gleichen Sinne eine Tugend genannt wie oben (ad 1); das heißt, weil er das ist, worauf die Tugend als auf ihren eigentlichen Akt gerichtet ist. Denn der Akt der Tugend ist nichts anderes als der gute Gebrauch des freien Willens.
Antwort auf Einwand 3: Es wird auf zweifache Weise gesagt, dass wir durch etwas verdienen. Erstens, wie durch das Verdienst selbst, so wie wir durch das Laufen laufen; und so verdienen wir durch Akte. Zweitens wird gesagt, dass wir durch etwas verdienen wie durch das Prinzip, wodurch wir verdienen, so wie wir durch die bewegende Kraft laufen; und so wird gesagt, dass wir durch Tugenden und Habitus verdienen.
Antwort auf Einwand 4: Wenn wir sagen, dass Tugend die Ordnung oder Anordnung der Liebe ist, beziehen wir uns auf das Ziel, auf das die Tugend geordnet ist: weil in uns die Liebe durch die Tugend geordnet wird.
Antwort auf Einwand 5: Natürliche Vermögen sind von sich aus auf einen Akt bestimmt: nicht so die rationalen Vermögen. Und so gibt es keinen Vergleich, wie wir gesagt haben.