I-II, q. 51 a. 4
Ob irgendwelche Habitus dem Menschen von Gott eingegossen werden?
Quaestio 51 · Von der Ursache der Gewohnheiten hinsichtlich ihrer Entstehung
Einwand 1: Es scheint, dass kein Habitus dem Menschen von Gott eingegossen wird. Denn Gott behandelt alle gleich. Wenn Er also einigen Habitus eingießt, würde Er sie allen eingießen: was offensichtlich unwahr ist.
Einwand 2: Ferner wirkt Gott in allen Dingen gemäß der Weise, die ihrer Natur angemessen ist: denn „es gehört zur göttlichen Vorsehung, die Natur zu bewahren“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. IV). Aber Habitus werden im Menschen natürlicherweise durch Akte verursacht, wie wir oben gesagt haben (Artikel [2]). Also verursacht Gott keine Habitus im Menschen außer durch Akte.
Einwand 3: Ferner, wenn irgendein Habitus dem Menschen von Gott eingegossen wird, kann der Mensch durch diesen Habitus viele Akte vollziehen. Aber „aus diesen Akten wird ein gleicher Habitus verursacht“ (Ethik II, 1, 2). Folglich gäbe es zwei Habitus derselben Spezies im selben Menschen, einen erworbenen, den anderen eingegossenen. Nun scheint dies unmöglich: denn zwei Formen derselben Spezies können nicht im selben Subjekt sein. Also wird kein Habitus dem Menschen von Gott eingegossen.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Sirach 15,5): „Gott erfüllte ihn mit dem Geist der Weisheit und des Verstandes.“ Nun sind Weisheit und Verstand Habitus. Also werden einige Habitus dem Menschen von Gott eingegossen.
Ich antworte darauf: Einige Habitus werden dem Menschen von Gott aus zwei Gründen eingegossen.
Der erste Grund ist, weil es einige Habitus gibt, durch die der Mensch zu einem Ziel disponiert wird, das die Proportion der menschlichen Natur übersteigt, nämlich die letzte und vollkommene Glückseligkeit des Menschen, wie oben dargelegt (Quaestio [5], Artikel [5]). Und da Habitus in Proportion zu dem stehen müssen, wozu der Mensch durch sie disponiert wird, ist es daher notwendig, dass jene Habitus, die zu diesem Ziel disponieren, die Proportion der menschlichen Natur übersteigen. Weshalb solche Habitus niemals im Menschen sein können außer durch göttliche Eingießung, wie es bei allen gratia-gegebenen Tugenden der Fall ist.
Der andere Grund ist, weil Gott die Wirkungen von Zweitursachen ohne diese Zweitursachen hervorbringen kann, wie wir im ersten Teil gesagt haben (FP, Quaestio [105], Artikel [6]). So wie Er daher manchmal, um Seine Macht zu zeigen, Gesundheit ohne ihre natürliche Ursache verursacht, welche die Natur doch hätte verursachen können, so gießt Er zuweilen zur Manifestation Seiner Macht dem Menschen sogar jene Habitus ein, die durch eine natürliche Kraft verursacht werden können. So gab Er den Aposteln die Wissenschaft der Schriften und aller Zungen, welche Menschen durch Studium oder Gewohnheit erwerben können, aber nicht so vollkommen.
Antwort auf Einwand 1: Gott ist in Bezug auf Seine Natur derselbe für alle, aber in Bezug auf die Ordnung Seiner Weisheit gibt Er aus einem festgesetzten Motiv einigen gewisse Dinge, die Er anderen nicht gibt.
Antwort auf Einwand 2: Dass Gott in allen gemäß ihrer Weise wirkt, hindert Gott nicht daran, das zu tun, was die Natur nicht tun kann: aber es folgt daraus, dass Er nichts tut, was dem entgegengesetzt ist, was der Natur angemessen ist.
Antwort auf Einwand 3: Akte, die durch einen eingegossenen Habitus hervorgebracht werden, verursachen keinen Habitus, sondern stärken den bereits existierenden Habitus; so wie die Heilmittel der Medizin, die einem Menschen gegeben werden, der von Natur aus gesund ist, keine Art von Gesundheit verursachen, sondern der Gesundheit, die er zuvor hatte, neue Kraft geben.