I-II, q. 50 a. 6
Ob es Habitus in den Engeln gibt?
Quaestio 50 · Vom Subjekt der Gewohnheiten
Einwand 1: Es scheint, dass es keine Habitus in den Engeln gibt. Denn Maximus, der Kommentator des Dionysius (Coel. Hier. vii), sagt: „Es ist nicht angemessen anzunehmen, dass es intellektuelle (d.h. geistige) Kräfte in den göttlichen Intelligenzen (d.h. in den Engeln) nach der Art von Akzidenzien gibt, wie in uns: als ob eines im anderen wäre wie in einem Subjekt: denn Akzidenzien jeglicher Art sind ihnen fremd.“ Aber jeder Habitus ist ein Akzidens. Also gibt es keine Habitus in den Engeln.
Einwand 2: Ferner, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. iv): „Die heiligen Dispositionen der himmlischen Wesenheiten haben vor allen anderen Dingen teil an Gottes Güte.“ Aber das, was aus sich selbst [per se] ist, ist früher und mächtiger als das, was durch ein anderes [per aliud] ist. Also sind die englischen Wesenheiten aus sich selbst zur Konformität mit Gott vervollkommnet und deshalb nicht mittels Habitus. Und dies scheint die Argumentation von Maximus gewesen zu sein, der an derselben Stelle hinzufügt: „Denn wäre dies der Fall, so bliebe ihr Wesen sicherlich nicht in sich selbst, noch hätte es so weit wie möglich aus sich selbst vergöttlicht werden können.“
Einwand 3: Ferner ist der Habitus eine Disposition (Metaph. v, Text 25). Aber Disposition ist, wie im selben Buch gesagt wird, „die Ordnung dessen, was Teile hat.“ Da also Engel einfache Substanzen sind, scheint es, dass es keine Dispositionen und Habitus in ihnen gibt.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Coel. Hier. vii), dass die Engel der ersten Hierarchie genannt werden: „Feuerträger und Throne und Ausgießung der Weisheit, wodurch die gottähnliche Natur ihrer Habitus angezeigt wird.“
Ich antworte darauf, dass einige gedacht haben, es gebe keine Habitus in den Engeln, und dass alles, was von ihnen ausgesagt wird, wesenhaft ausgesagt werde. Weshalb Maximus nach den Worten, die wir zitiert haben, sagt: „Ihre Dispositionen und die Kräfte, die in ihnen sind, sind wesenhaft, durch die Abwesenheit von Materie in ihnen.“ Und Simplicius sagt dasselbe in seinem Kommentar zu den Prädikamenten: „Weisheit, die in der Seele ist, ist ihr Habitus: aber jene, die im Intellekt ist, ist seine Substanz. Denn alles Göttliche ist sich selbst genug und existiert in sich selbst.“
Nun enthält diese Meinung etwas Wahres und etwas Irrtum. Denn es ist offenkundig aus dem, was wir gesagt haben (Frage [49], Artikel [4]), dass nur ein Seiendes in Potenz das Subjekt eines Habitus ist. So betrachteten die oben genannten Kommentatoren Engel als immaterielle Substanzen und dass es keine materielle Potenz in ihnen gibt, und schlossen aus diesem Grund Habitus und jede Art von Akzidens von ihnen aus. Doch da es, obwohl es keine materielle Potenz in Engeln gibt, dennoch eine gewisse Potenz in ihnen gibt (denn reiner Akt zu sein kommt Gott allein zu), können deshalb, soweit Potenz in ihnen gefunden wird, auch Habitus in ihnen gefunden werden. Aber weil die Potenz der Materie und die Potenz der intellektuellen Substanz nicht von derselben Art sind, sagt Simplicius in seinem Kommentar zu den Prädikamenten: „Die Habitus der intellektuellen Substanz sind nicht wie die Habitus hier unten, sondern vielmehr sind sie wie einfache und immaterielle Bilder, die sie in sich enthält.“
Jedoch unterscheiden sich der englische Intellekt und der menschliche Intellekt hinsichtlich dieses Habitus. Denn der menschliche Intellekt, der der niedrigste in der intellektuellen Ordnung ist, ist in Potenz hinsichtlich aller intelligiblen Dinge, so wie die Urmaterie hinsichtlich aller sinnlichen Formen ist; und deshalb bedarf er zum Verständnis aller Dinge eines Habitus. Aber der englische Intellekt ist nicht wie eine reine Potenz in der Ordnung der intelligiblen Dinge, sondern wie ein Akt; zwar nicht als reiner Akt (denn dies kommt Gott allein zu), sondern mit einer Beimischung von gewisser Potenz: und je höher er ist, desto weniger Potenz hat er. Und deshalb, wie wir im ersten Teil, Frage [55], Artikel [1] sagten, bedarf er, insofern er in Potenz ist, der habituellen Vervollkommnung mittels intelligibler Spezies im Hinblick auf seine eigene Tätigkeit: aber insofern er im Akt ist, kann er durch sein eigenes Wesen einige Dinge verstehen, zumindest sich selbst, und andere Dinge gemäß der Weise seiner Substanz, wie in De Causis dargelegt: und je vollkommener er ist, desto vollkommener wird er verstehen.
Da aber kein Engel die Vollkommenheit Gottes erreicht, sondern alle unendlich weit davon entfernt sind, bedürfen die Engel aus diesem Grund, um Gott selbst durch Intellekt und Willen zu erreichen, gewisser Habitus, da sie gleichsam in Potenz im Hinblick auf jenen Reinen Akt sind. Weshalb Dionysius sagt (Coel. Hier. vii), dass ihre Habitus „gottähnlich“ sind, das heißt, dass sie durch sie Gott ähnlich gemacht werden.
Aber jene Habitus, die Dispositionen zum natürlichen Sein sind, sind nicht in Engeln, da sie immateriell sind.
Antwort auf Einwand 1: Dieser Ausspruch von Maximus muss von materiellen Habitus und Akzidenzien verstanden werden.
Antwort auf Einwand 2: Was das betrifft, was den Engeln durch ihr Wesen zukommt, bedürfen sie keines Habitus. Da sie aber nicht so weit Wesen aus sich selbst sind, dass sie nicht der göttlichen Weisheit und Güte teilhaftig wären, bedürfen sie deshalb, insofern sie von außen her an etwas teilhaben müssen, des Besitzes von Habitus.
Antwort auf Einwand 3: In Engeln gibt es keine wesenhaften Teile: aber es gibt potentielle Teile, insofern ihr Intellekt durch mehrere Spezies vervollkommnet wird und insofern ihr Wille eine Beziehung zu mehreren Dingen hat.