I-II, q. 48 a. 1
Ob der Zorn Lust verursacht?
Quaestio 48 · Von den Wirkungen des Zorns
Einwand 1: Es scheint, dass der Zorn keine Lust verursacht. Denn Traurigkeit schließt Lust aus. Der Zorn aber ist niemals ohne Traurigkeit, da, wie es in der Ethik (VII, 6) heißt: „Jeder, der aus Zorn handelt, handelt mit Schmerz.“ Also verursacht der Zorn keine Lust.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethik IV, 5), dass „die Rache den Zorn aufhören lässt, weil sie Lust an die Stelle des Schmerzes setzt“. Daraus können wir schließen, dass der Zornige Lust aus der Rache zieht und dass die Rache seinen Zorn stillt. Wenn also die Lust eintritt, weicht der Zorn: Folglich ist der Zorn keine mit der Lust vereinte Wirkung.
Einwand 3: Ferner hindert keine Wirkung ihre Ursache, da sie ihrer Ursache gleichförmig ist. Die Lust aber hindert den Zorn, wie in der Rhetorik (II, 3) gesagt wird. Also ist die Lust keine Wirkung des Zorns.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (Ethik IV, 5) den Ausspruch zitiert, der Zorn sei „süßer der Seele als Honig dem Gaumen“ (Ilias XVIII, 109).
Ich antworte darauf, dass, wie der Philosoph sagt (Ethik VII, 14), Lüste, vornehmlich die sinnlichen und körperlichen, Heilmittel gegen Traurigkeit sind: Und daher sind wir, je größer die Traurigkeit oder Angst ist, umso empfänglicher für die Lust, die sie heilt; wie es im Falle des Durstes offensichtlich ist, der die Lust am Trinken steigert. Nun ist aus dem, was gesagt wurde (Frage 47, Artikel 1 und 3), klar, dass die Bewegung des Zorns aus einem zugefügten Unrecht entsteht, welches Traurigkeit verursacht, für welche Traurigkeit Rache als Heilmittel gesucht wird. Folglich stellt sich, sobald die Rache gegenwärtig ist, Lust ein, und zwar umso mehr, je größer die Traurigkeit war. Wenn also die Rache wirklich gegenwärtig ist, folgt vollkommene Lust, welche die Traurigkeit gänzlich ausschließt, so dass die Bewegung des Zorns aufhört. Bevor aber die Rache wirklich gegenwärtig ist, wird sie dem Zornigen auf zweifache Weise gegenwärtig: auf eine Weise durch die Hoffnung; denn niemand zürnt, außer er hofft auf Rache, wie oben gesagt wurde (Frage 46, Artikel 1); auf eine andere Weise dadurch, dass er beständig an sie denkt; denn für jeden, der eine Sache begehrt, ist es angenehm, im Gedanken bei dem zu verweilen, was er begehrt; weshalb die Vorstellungen in Träumen angenehm sind. Dementsprechend empfindet ein zorniger Mensch Lust daran, viel über Rache nachzudenken. Diese Lust ist jedoch nicht vollkommen, so dass sie die Traurigkeit und folglich den Zorn vertreiben würde.
Antwort auf Einwand 1: Der Zornige trauert und freut sich nicht über dieselbe Sache; er trauert über das zugefügte Unrecht, während er Lust an dem Gedanken und der Hoffnung auf Rache empfindet. Folglich verhält sich die Traurigkeit zum Zorn wie sein Anfang; die Lust hingegen ist die Wirkung oder das Endziel des Zorns.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument gilt im Hinblick auf die Lust, die durch die wirkliche Gegenwart der Rache verursacht wird, welche den Zorn gänzlich vertreibt.
Antwort auf Einwand 3: Lust, die vorausgeht, hindert die Traurigkeit daran, sich einzustellen, und ist folglich ein Hindernis für den Zorn. Aber die Lust, die bei der Rache empfunden wird, folgt aus dem Zorn.