I-II, q. 45 a. 2
Ob die Kühnheit aus der Hoffnung folgt?
Quaestio 45 · Von der Kühnheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Kühnheit nicht aus der Hoffnung folgt. Denn die Kühnheit bezieht sich auf Übel und furchterregende Dinge, wie in Ethic. iii, 7 gesagt wird. Die Hoffnung aber bezieht sich auf gute Dinge, wie oben gesagt wurde (Quaestio [40], Artikel [1]). Also haben sie verschiedene Objekte und gehören nicht zur selben Ordnung. Daher folgt die Kühnheit nicht aus der Hoffnung.
Einwand 2: Ferner, wie die Kühnheit der Furcht entgegengesetzt ist, so ist die Verzweiflung der Hoffnung entgegengesetzt. Aber die Furcht folgt nicht aus der Verzweiflung: tatsächlich schließt die Verzweiflung die Furcht aus, wie der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5). Also resultiert die Kühnheit nicht aus der Hoffnung.
Einwand 3: Ferner ist die Kühnheit auf etwas Gutes ausgerichtet, nämlich den Sieg. Es gehört aber zur Hoffnung, nach dem zu streben, was gut und schwierig ist. Also ist die Kühnheit dasselbe wie die Hoffnung; und folglich resultiert sie nicht aus ihr.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. iii, 8), dass „diejenigen, die hoffnungsvoll sind, voll von Kühnheit sind“. Also scheint es, dass die Kühnheit aus der Hoffnung folgt.
Ich antworte darauf, dass, wie wir oft gesagt haben (Quaestio [22], Artikel [2]; Quaestio [35], Artikel [1]; Quaestio [41], Artikel [1]), alle diese Leidenschaften zum Strebevermögen gehören. Nun ist jede Bewegung des Strebevermögens entweder auf Verfolgung oder auf Vermeidung zurückzuführen. Wiederum bezieht sich Verfolgung oder Vermeidung auf etwas entweder um seiner selbst willen oder um eines anderen willen. Um seiner selbst willen ist das Gute Gegenstand der Verfolgung und das Übel Gegenstand der Vermeidung: aber um eines anderen willen kann das Übel Gegenstand der Verfolgung sein, durch irgendein Gutes, das ihm anhaftet; und das Gute kann Gegenstand der Vermeidung sein, durch irgendein Übel, das ihm anhaftet. Nun folgt das, was um eines anderen willen ist, dem, was um seiner selbst willen ist. Folglich folgt die Verfolgung des Übels der Verfolgung des Guten; und die Vermeidung des Guten folgt der Vermeidung des Übels. Diese vier Dinge gehören nun zu vier Leidenschaften, da die Verfolgung des Guten zur Hoffnung gehört, die Vermeidung des Übels zur Furcht, die Verfolgung des furchterregenden Übels zur Kühnheit und die Vermeidung des Guten zur Verzweiflung. Es folgt also, dass die Kühnheit aus der Hoffnung resultiert; denn in der Hoffnung, das drohende Objekt der Furcht zu überwinden, greift man es kühn an. Die Verzweiflung aber resultiert aus der Furcht: denn der Grund, warum ein Mensch verzweifelt, ist, dass er die Schwierigkeit fürchtet, die dem Guten anhaftet, auf das er hoffen sollte.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument wäre stichhaltig, wenn Gut und Böse nicht beigeordnete Objekte wären. Aber weil das Böse eine gewisse Beziehung zum Guten hat, da es nach dem Guten kommt, wie die Beraubung nach dem Habitus kommt; folglich kommt die Kühnheit, die das Böse verfolgt, nach der Hoffnung, die das Gute verfolgt.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl das Gute, absolut gesprochen, früher ist als das Böse, geht doch die Vermeidung des Bösen der Vermeidung des Guten voraus; so wie die Verfolgung des Guten der Verfolgung des Bösen vorausgeht. Folglich, so wie die Hoffnung der Kühnheit vorausgeht, so geht die Furcht der Verzweiflung voraus. Und so wie die Furcht nicht immer zur Verzweiflung führt, sondern nur, wenn sie intensiv ist; so führt die Hoffnung nicht immer zur Kühnheit, außer wenn sie stark ist.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl das Objekt der Kühnheit ein Übel ist, mit dem nach der Einschätzung des Kühnen das Gut des Sieges verbunden ist, so betrachtet die Kühnheit doch das Übel, und die Hoffnung betrachtet das verbundene Gute. In gleicher Weise betrachtet die Verzweiflung direkt das Gute, von dem sie sich abwendet, während die Furcht das verbundene Übel betrachtet. Daher ist die Kühnheit eigentlich nicht ein Teil der Hoffnung, sondern ihre Wirkung: so wie die Verzweiflung eine Wirkung, nicht ein Teil, der Furcht ist. Aus diesem Grund kann die Kühnheit auch keine Hauptleidenschaft sein.