I-II, q. 41 a. 4
Ob die Arten der Furcht passend angegeben sind?
Quaestio 41 · Von der Furcht an sich
1. Einwand: Es scheint, dass sechs Arten der Furcht von Damascenus (De Fide Orth. ii, 15) unpassend angegeben werden; nämlich „Trägheit, Schamhaftigkeit, Scham, Verwunderung, Bestürzung und Angst.“ Denn wie der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5), „betrifft Furcht ein betrübendes Übel.“ Daher sollten die Arten der Furcht den Arten der Trauer entsprechen. Nun gibt es vier Arten der Trauer, wie oben dargelegt (Quaestio [35], Artikel [8]). Also sollte es nur vier Arten der Furcht geben, die ihnen entsprechen.
2. Einwand: Ferner steht das, was in einer eigenen Handlung besteht, in unserer Macht. Aber Furcht betrifft ein Übel, das unsere Macht übersteigt, wie oben dargelegt (Artikel [2]). Daher sollten Trägheit, Schamhaftigkeit und Scham, die unsere eigenen Handlungen betreffen, nicht als Arten der Furcht gerechnet werden.
3. Einwand: Ferner bezieht sich Furcht auf die Zukunft, wie oben dargelegt (Artikel [1], 2). Aber „Scham betrifft eine schändliche Tat, die bereits geschehen ist“, wie Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. xx.] sagt. Also ist Scham keine Art der Furcht.
4. Einwand: Ferner bezieht sich Furcht nur auf Übel. Aber Verwunderung und Bestürzung betreffen große und ungewohnte Dinge, seien sie gut oder böse. Also sind Verwunderung und Bestürzung keine Arten der Furcht.
5. Einwand: Ferner wurden Philosophen durch Verwunderung dazu geführt, die Wahrheit zu suchen, wie am Anfang der Metaphysik dargelegt wird. Aber Furcht führt eher zur Flucht als zur Suche. Also ist Verwunderung keine Art der Furcht.
Dagegen spricht die Autorität des Damascenus und Gregors von Nyssa [*Nemesius] (vgl. 1. und 3. Einwand).
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [2]), die Furcht ein zukünftiges Übel betrifft, welches die Kraft des Fürchtenden übersteigt, so dass es unwiderstehlich ist. Nun kann das Übel des Menschen, wie sein Gut, entweder in seiner Handlung oder in äußeren Dingen betrachtet werden. In seiner Handlung hat er ein zweifaches Übel zu fürchten. Erstens gibt es die Mühsal, die seine Natur belastet: und daraus entsteht „Trägheit“ (segities), wie wenn ein Mensch vor der Arbeit zurückschreckt aus Furcht vor zu viel Mühsal. Zweitens gibt es die Schande, die ihm in der Meinung anderer schadet. Und so, wenn Schande bei einer Tat gefürchtet wird, die noch zu tun ist, gibt es „Schamhaftigkeit“ (erubescentia); wenn es jedoch eine bereits geschehene Tat ist, gibt es „Scham“ (verecundia).
Andererseits kann das Übel, das in äußeren Dingen besteht, das Widerstandsvermögen des Menschen auf drei Weisen übersteigen. Erstens aufgrund seiner Größe; wenn nämlich ein Mensch ein großes Übel betrachtet, dessen Ausgang er nicht ermessen kann: und dann gibt es „Verwunderung“ (admiratio). Zweitens aufgrund dessen, dass es ungewohnt ist; weil uns nämlich ein ungewohntes Übel vor Augen tritt und aus diesem Grund in unserer Einschätzung groß ist: und dann gibt es „Bestürzung“ (stupor), die durch die Vorstellung von etwas Ungewohntem verursacht wird. Drittens aufgrund dessen, dass es unvorhergesehen ist: so werden zukünftige Unglücksfälle gefürchtet, und Furcht dieser Art wird „Angst“ (agonia) genannt.
Antwort auf den 1. Einwand: Jene oben angegebenen Arten der Trauer sind nicht von der Verschiedenheit der Objekte abgeleitet, sondern von der Verschiedenheit der Wirkungen und aus bestimmten besonderen Gründen. Folglich ist es nicht notwendig, dass jene Arten der Trauer diesen Arten der Furcht entsprechen, welche aus der eigentlichen Einteilung des Objekts der Furcht selbst abgeleitet sind.
Antwort auf den 2. Einwand: Eine Tat, betrachtet als tatsächlich getan, steht in der Macht des Handelnden. Aber es ist möglich, etwas in Betracht zu ziehen, das mit der Tat verbunden ist und das Vermögen des Handelnden übersteigt, weshalb er vor der Tat zurückschreckt. In diesem Sinne werden Trägheit, Schamhaftigkeit und Scham als Arten der Furcht gerechnet.
Antwort auf den 3. Einwand: Die vergangene Tat kann der Anlass zur Furcht vor zukünftigem Vorwurf oder Schande sein: und in diesem Sinne ist Scham eine Art der Furcht.
Antwort auf den 4. Einwand: Nicht jede Verwunderung und Bestürzung sind Arten der Furcht, sondern jene Verwunderung, die durch ein großes Übel verursacht wird, und jene Bestürzung, die aus einem ungewohnten Übel entsteht. Oder wir können sagen, dass, so wie die Trägheit vor der Mühsal äußerer Arbeit zurückschreckt, so Verwunderung und Bestürzung vor der Schwierigkeit zurückschrecken, eine große und ungewohnte Sache zu betrachten, sei sie gut oder böse: so dass Verwunderung und Bestürzung in Beziehung zum Akt des Intellekts stehen, wie die Trägheit zur äußeren Arbeit.
Antwort auf den 5. Einwand: Wer sich verwundert, schreckt gegenwärtig davor zurück, ein Urteil über das zu fällen, was ihn verwundert, aus Furcht, die Wahrheit zu verfehlen, forscht aber danach; wohingegen derjenige, der von Bestürzung überwältigt ist, fürchtet, sowohl gegenwärtig zu urteilen als auch danach zu forschen. Daher ist Verwunderung ein Anfang philosophischer Forschung: wohingegen Bestürzung ein Hindernis dafür ist.