I-II, q. 41 a. 2
Ob die Furcht eine besondere Leidenschaft ist?
Quaestio 41 · Von der Furcht an sich
1. Einwand: Es scheint, dass die Furcht keine besondere Leidenschaft ist. Denn Augustinus sagt (Quaest. 83, qu. 33), dass „der Mensch, der nicht durch Furcht verstört wird, weder durch Begierde bedrängt, noch durch Krankheit“ – d. h. Trauer – „verwundet, noch in Ausbrüchen leerer Freuden umhergeworfen wird.“ Daher scheint es, dass, wenn die Furcht beseitigt wird, alle anderen Leidenschaften entfernt werden. Also ist die Furcht keine besondere, sondern eine allgemeine Leidenschaft.
2. Einwand: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. vi, 2), dass „Verfolgung und Flucht im Strebevermögen das sind, was Bejahung und Verneinung im Intellekt sind.“ Aber die Verneinung ist nichts Besonderes im Intellekt, ebenso wenig wie die Bejahung, sondern etwas vielen Gemeinsames. Also ist auch die Flucht nichts Besonderes im Strebevermögen. Die Furcht aber ist nichts anderes als eine Art Flucht vor dem Übel. Also ist sie keine besondere Leidenschaft.
3. Einwand: Ferner, wenn die Furcht eine besondere Leidenschaft wäre, so wäre sie hauptsächlich im zornmütigen Teil. Aber die Furcht ist auch im begehrlichen: da der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5), dass „Furcht eine Art Trauer ist“; und Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 23), dass Furcht „eine Kraft der Begierde“ ist: und sowohl Trauer als auch Begierde sind im begehrlichen Vermögen, wie oben dargelegt (Quaestio [23], Artikel [4]). Also ist die Furcht keine besondere Leidenschaft, da sie zu verschiedenen Vermögen gehört.
Dagegen spricht, dass die Furcht neben den anderen Leidenschaften der Seele eingeteilt wird, wie aus Damascenus (De Fide Orth. ii, 12,15) klar hervorgeht.
Ich antworte darauf, dass die Leidenschaften der Seele ihre Spezies von ihren Objekten ableiten: daher ist jene eine besondere Leidenschaft, die ein besonderes Objekt hat. Nun hat die Furcht ein besonderes Objekt, wie auch die Hoffnung. Denn so wie das Objekt der Hoffnung ein zukünftiges Gut ist, das schwierig, aber möglich zu erlangen ist; so ist das Objekt der Furcht ein zukünftiges Übel, das schwierig und unwiderstehlich ist. Folglich ist die Furcht eine besondere Leidenschaft der Seele.
Antwort auf den 1. Einwand: Alle Leidenschaften der Seele entspringen einer einzigen Quelle, nämlich der Liebe, worin sie miteinander verbunden sind. Aufgrund dieser Verbindung werden, wenn die Furcht beseitigt wird, die anderen Leidenschaften der Seele zerstreut; jedoch nicht so, als ob sie eine allgemeine Leidenschaft wäre.
Antwort auf den 2. Einwand: Nicht jede Flucht im Strebevermögen ist Furcht, sondern die Flucht vor einem besonderen Objekt, wie dargelegt. Daher ist die Furcht, obwohl die Flucht etwas Gemeinsames ist, dennoch eine besondere Leidenschaft.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Furcht ist keineswegs im begehrlichen Vermögen: denn sie betrifft das Übel nicht schlechthin, sondern als schwierig oder mühsam, so dass es fast unvermeidbar ist. Da aber die zornmütigen Leidenschaften aus den Leidenschaften des begehrlichen Vermögens entstehen und darin enden, wie oben dargelegt (Quaestio [25], Artikel [1]), kommt es daher, dass das, was zum Begehrlichen gehört, der Furcht zugeschrieben wird. Denn die Furcht wird Trauer genannt, insofern das Objekt der Furcht Trauer verursacht, wenn es gegenwärtig ist: weshalb der Philosoph sagt (Rhet. ii, 5), dass Furcht „aus der Vorstellung eines zukünftigen Übels entsteht, das entweder verderblich oder schmerzhaft ist.“ In gleicher Weise wird die Begierde von Damascenus der Furcht zugeschrieben, weil, so wie die Hoffnung aus der Begierde nach dem Guten entsteht, so die Furcht aus der Flucht vor dem Übel entsteht; während die Flucht vor dem Übel aus der Begierde nach dem Guten entsteht, wie aus dem ersichtlich ist, was oben gesagt wurde (Quaestio [25], Artikel [2]; Quaestio [29], Artikel [2]; Quaestio [36], Artikel [2]).