I-II, q. 41 a. 1
Ob die Furcht eine Leidenschaft der Seele ist?
Quaestio 41 · Von der Furcht an sich
1. Einwand: Es scheint, dass die Furcht keine Leidenschaft der Seele ist. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 23), dass „die Furcht eine Kraft ist, nach Art der Systole“ – d. h. der Zusammenziehung –, „welche die Natur zu verteidigen sucht.“ Aber keine Tugend (Kraft) ist eine Leidenschaft, wie in Ethic. ii, 5 bewiesen wird. Also ist die Furcht keine Leidenschaft.
2. Einwand: Ferner ist jede Leidenschaft eine Wirkung, die auf die Gegenwart eines Wirkenden zurückzuführen ist. Die Furcht aber bezieht sich nicht auf etwas Gegenwärtiges, sondern auf etwas Zukünftiges, wie Damascenus erklärt (De Fide Orth. ii, 12). Also ist die Furcht keine Leidenschaft.
3. Einwand: Ferner ist jede Leidenschaft der Seele eine Bewegung des sinnlichen Strebevermögens infolge einer sinnlichen Wahrnehmung. Der Sinn aber nimmt nicht das Zukünftige wahr, sondern das Gegenwärtige. Da sich also die Furcht auf ein zukünftiges Übel bezieht, scheint es, dass sie keine Leidenschaft der Seele ist.
Dagegen spricht, dass Augustinus (De Civ. Dei xiv, 5 ff.) die Furcht unter die anderen Leidenschaften der Seele rechnet.
Ich antworte darauf, dass unter den anderen Leidenschaften der Seele, nach der Trauer, die Furcht am meisten den Charakter einer Leidenschaft besitzt. Denn wie wir oben dargelegt haben (Quaestio [22]), impliziert der Begriff der Leidenschaft zuallererst eine Bewegung einer passiven Kraft – d. h. einer Kraft, deren Gegenstand sich zu ihr wie ihr aktives Prinzip verhält: da die Leidenschaft die Wirkung eines Wirkenden ist. In dieser Weise sind sowohl „Fühlen“ als auch „Verstehen“ Leidenschaften. Zweitens, im eigentlichen Sinne, ist Leidenschaft eine Bewegung des Strebevermögens; und noch eigentlicher ist sie eine Bewegung eines Strebevermögens, das ein körperliches Organ besitzt, wobei eine solche Bewegung von einer körperlichen Veränderung begleitet wird. Und wiederum werden am eigentlichsten jene Bewegungen Leidenschaften genannt, die eine gewisse Verschlechterung implizieren. Nun ist es offensichtlich, dass die Furcht, da sie das Übel betrifft, zum Strebevermögen gehört, welches von sich aus auf Gut und Böse gerichtet ist. Überdies gehört sie zum sinnlichen Strebevermögen: denn sie wird von einer gewissen Veränderung – d. h. Zusammenziehung – begleitet, wie Damascenus sagt (vgl. 1. Einwand). Wiederum impliziert sie eine Beziehung zum Übel, als ob dieses ein bestimmtes Gut überwältige. Daher hat sie am eigentlichsten den Charakter einer Leidenschaft; jedoch weniger als die Trauer, welche das gegenwärtige Übel betrifft: denn die Furcht betrifft das zukünftige Übel, welches kein so starkes Motiv ist wie das gegenwärtige Übel.
Antwort auf den 1. Einwand: Tugend bezeichnet ein Prinzip des Handelns: Insofern also die inneren Bewegungen des Strebevermögens Prinzipien des äußeren Handelns sind, werden sie Tugenden (Kräfte) genannt. Der Philosoph leugnet jedoch, dass die Leidenschaft eine Tugend im Sinne eines Habitus ist.
Antwort auf den 2. Einwand: So wie die Leidenschaft eines natürlichen Körpers auf die körperliche Gegenwart eines Wirkenden zurückzuführen ist, so ist die Leidenschaft der Seele darauf zurückzuführen, dass das Wirkende der Seele gegenwärtig ist, wenngleich weder körperlich noch real gegenwärtig: das heißt, insofern das Übel, das real zukünftig ist, in der Auffassung der Seele gegenwärtig ist.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Sinne nehmen das Zukünftige nicht wahr: aber durch die Wahrnehmung des Gegenwärtigen wird ein Lebewesen durch natürlichen Instinkt bewegt, ein zukünftiges Gut zu erhoffen oder ein zukünftiges Übel zu fürchten.