I-II, q. 39 a. 2
Ob Traurigkeit ein tugendhaftes Gut sein kann?
Quaestio 39 · Von der Güte und Bosheit der Traurigkeit oder des Schmerzes.
Einwand 1: Es scheint, dass Traurigkeit kein tugendhaftes Gut ist. Denn was zur Hölle führt, ist kein tugendhaftes Gut. Aber wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii, 33): „Jakob schien zu fürchten, er könnte durch übermäßige Traurigkeit beunruhigt werden und so, anstatt in die Ruhe der Seligen einzugehen, der Hölle der Sünder überantwortet werden.“ Also ist Traurigkeit kein tugendhaftes Gut.
Einwand 2: Ferner ist das tugendhafte Gut lobenswert und verdienstvoll. Aber Traurigkeit mindert Lob oder Verdienst; denn der Apostel sagt (2 Kor 9,7): „Jeder gebe, wie er es sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Traurigkeit oder aus Zwang.“ Also ist Traurigkeit kein tugendhaftes Gut.
Einwand 3: Ferner, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv, 15), „betrifft Traurigkeit jene Dinge, die gegen unseren Willen geschehen“. Aber jene Dinge nicht zu wollen, die tatsächlich geschehen, bedeutet, einen Willen zu haben, der dem Ratschluss Gottes entgegengesetzt ist, dessen Vorsehung alles unterworfen ist, was geschieht. Da nun die Übereinstimmung des menschlichen mit dem göttlichen Willen eine Bedingung für die Rechtschaffenheit des Willens ist, wie oben dargelegt (Frage [19], Artikel [9]), scheint es, dass Traurigkeit unvereinbar mit der Rechtschaffenheit des Willens ist und dass sie folglich nicht tugendhaft ist.
Dagegen spricht, dass alles, was den Lohn des ewigen Lebens verdient, tugendhaft ist. Aber dies trifft auf die Traurigkeit zu; wie aus Mt 5,5 ersichtlich ist: „Selig sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“ Also ist Traurigkeit ein tugendhaftes Gut.
Ich antworte darauf, dass Traurigkeit, insofern sie gut ist, ein tugendhaftes Gut sein kann. Denn es wurde oben gesagt (Artikel [1]), dass Traurigkeit insofern ein Gut ist, als sie die Wahrnehmung und Zurückweisung des Übels bezeichnet. Diese beiden Dinge sind, was den körperlichen Schmerz betrifft, ein Beweis für die Güte der Natur, der es zu verdanken ist, dass die Sinne das schädliche Ding, das Schmerz verursacht, wahrnehmen und dass die Natur es scheut. Was die innere Traurigkeit betrifft, so ist die Wahrnehmung des Übels manchmal einem rechten Urteil der Vernunft geschuldet; während die Zurückweisung des Übels der Akt des Willens ist, der gut disponiert ist und jenes Übel verabscheut. Nun resultiert jedes tugendhafte Gut aus diesen beiden Dingen, der Rechtschaffenheit der Vernunft und des Willens. Weshalb es offensichtlich ist, dass Traurigkeit ein tugendhaftes Gut sein kann.
Antwort auf Einwand 1: Alle Leidenschaften der Seele sollten gemäß der Regel der Vernunft reguliert werden, welche die Wurzel des tugendhaften Guten ist; aber übermäßige Traurigkeit, von der Augustinus spricht, überschreitet diese Regel, und deshalb verfehlt sie es, ein tugendhaftes Gut zu sein.
Antwort auf Einwand 2: So wie Traurigkeit über ein Übel aus einem rechten Willen und einer rechten Vernunft entspringt, die das Übel verabscheuen, so ist Traurigkeit über ein Gut einer verkehrten Vernunft und einem verkehrten Willen geschuldet, die das Gute verabscheuen. Folglich ist solche Traurigkeit ein Hindernis für das Lob und das Verdienst des tugendhaften Guten; zum Beispiel, wenn ein Mensch traurig Almosen gibt.
Antwort auf Einwand 3: Manche Dinge geschehen tatsächlich, nicht weil Gott es will, sondern weil Er zulässt, dass sie geschehen – wie etwa Sünden. Folglich steht ein Wille, der der Sünde entgegengesetzt ist, sei es in einem selbst oder in einem anderen, nicht im Widerspruch zum göttlichen Willen. Strafübel geschehen tatsächlich, sogar durch Gottes Willen. Aber es ist für die Rechtschaffenheit seines Willens nicht notwendig, dass der Mensch sie an sich will, sondern nur, dass er nicht gegen die Ordnung der göttlichen Gerechtigkeit aufbegehrt, wie oben dargelegt (Frage [19], Artikel [10]).