I-II, q. 39 a. 1
Ob jede Traurigkeit ein Übel ist?
Quaestio 39 · Von der Güte und Bosheit der Traurigkeit oder des Schmerzes.
Einwand 1: Es scheint, dass jede Traurigkeit ein Übel ist. Denn Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. xix.] sagt: „Jede Traurigkeit ist von Natur aus ein Übel.“ Was aber von Natur aus übel ist, ist immer und überall übel. Also ist jede Traurigkeit ein Übel.
Einwand 2: Ferner ist das, was alle, auch die Tugendhaften, meiden, ein Übel. Aber alle meiden die Traurigkeit, auch die Tugendhaften, da es in der Ethik (VII, 11) heißt: „Obwohl der Kluge nicht auf Lust abzielt, zielt er doch darauf ab, Traurigkeit zu vermeiden.“ Also ist Traurigkeit ein Übel.
Einwand 3: Ferner, wie das körperliche Übel Gegenstand und Ursache des körperlichen Schmerzes ist, so ist das geistige Übel Gegenstand und Ursache der Traurigkeit in der Seele. Aber jeder körperliche Schmerz ist ein körperliches Übel. Also ist jede geistige Traurigkeit ein Übel der Seele.
Dagegen spricht, dass Traurigkeit über das Übel im Gegensatz zur Lust am Übel steht. Aber Lust am Übel ist böse; weshalb zur Verurteilung gewisser Menschen geschrieben steht (Spr 2,14), dass sie „sich freuten, wenn sie Böses getan hatten“. Also ist Traurigkeit über das Übel gut.
Ich antworte darauf, dass ein Ding auf zwei Arten gut oder böse sein kann: Erstens, wenn man es einfachhin und an sich betrachtet; und so ist jede Traurigkeit ein Übel, weil allein die Tatsache, dass das Strebevermögen eines Menschen wegen eines gegenwärtigen Übels unruhig ist, selbst ein Übel ist, da es das Ruhen des Strebevermögens im Guten behindert. Zweitens wird ein Ding gut oder böse genannt unter einer bestimmten Voraussetzung: So wird Scham als gut bezeichnet unter der Voraussetzung einer begangenen schändlichen Tat, wie in der Ethik (IV, 9) dargelegt. Dementsprechend ist es, unter der Voraussetzung des Vorhandenseins von etwas Traurigem oder Schmerzhaftem, ein Zeichen von Güte, wenn ein Mensch wegen dieses gegenwärtigen Übels in Trauer oder Schmerz ist. Denn wäre er nicht in Trauer oder Schmerz, so könnte dies nur daran liegen, dass er es entweder nicht fühlt oder dass er es nicht als etwas Ungehöriges erachtet, was beides offensichtliche Übel sind. Folglich ist es eine Bedingung der Güte, dass, vorausgesetzt ein Übel ist vorhanden, Traurigkeit oder Schmerz folgen sollte. Weshalb Augustinus sagt (Gen. ad lit. viii, 14): „Es ist auch eine gute Sache, dass er um das verlorene Gut trauert: denn wäre nicht etwas Gutes in seiner Natur verblieben, könnte er nicht durch den Verlust des Guten bestraft werden.“ Da wir jedoch in der Moralwissenschaft die Dinge im Einzelnen betrachten – denn Handlungen betreffen Einzeldinge –, sollte das, was unter einer gewissen Voraussetzung gut ist, als gut betrachtet werden: so wie das, was unter einer gewissen Voraussetzung freiwillig ist, als freiwillig beurteilt wird, wie in der Ethik (III, 1) und ebenso oben (Frage [6], Artikel [6]) dargelegt wurde.
Antwort auf Einwand 1: Gregor von Nyssa [*Nemesius] spricht von der Traurigkeit hinsichtlich des Übels, das sie verursacht, aber nicht hinsichtlich des Subjekts, das das Übel fühlt und zurückweist. Und unter diesem Gesichtspunkt scheuen alle die Traurigkeit, insofern sie das Übel scheuen: aber sie scheuen nicht die Wahrnehmung und Zurückweisung des Übels. Dasselbe gilt auch für den körperlichen Schmerz: denn die Wahrnehmung und Zurückweisung des körperlichen Übels ist der Beweis für die Güte der Natur.
Dies genügt für die Antworten auf den zweiten und dritten Einwand.