I-II, q. 37 a. 2
Ob die Wirkung von Trauer oder Schmerz darin besteht, die Seele zu beschweren?
Quaestio 37 · Von den Wirkungen des Schmerzes oder der Traurigkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass es keine Wirkung der Trauer ist, die Seele zu beschweren. Denn der Apostel sagt (2 Kor 7,11): „Siehe, ebendies, dass ihr gemäß Gott betrübt wurdet, welch große Sorgfalt wirkt es in euch: ja Verteidigung, ja Unwillen“ usw. Nun implizieren Sorgfalt und Unwillen, dass die Seele aufgerichtet ist, was dem Niedergedrücktsein entgegengesetzt ist. Daher ist Niedergeschlagenheit keine Wirkung der Trauer.
Einwand 2: Ferner ist Trauer das Gegenteil von Vergnügen. Die Wirkung des Vergnügens aber ist Ausweitung: deren Gegenteil ist nicht Niedergeschlagenheit, sondern Zusammenziehung. Daher sollte Niedergeschlagenheit nicht als eine Wirkung der Trauer gerechnet werden.
Einwand 3: Ferner verzehrt die Trauer jene, die damit behaftet sind, wie aus den Worten des Apostels entnommen werden kann (2 Kor 2,7): „Damit ein solcher nicht vielleicht von allzu großer Trauer verschlungen werde.“ Aber das, was niedergedrückt wird, wird nicht verzehrt; vielmehr wird es von etwas Schwerem belastet, wohingegen das, was verzehrt wird, in den Verzehrer eingeht. Daher sollte Niedergeschlagenheit nicht als eine Wirkung der Trauer gerechnet werden.
Dagegen spricht, dass Gregor von Nyssa [*Nemesius, De Nat. Hom. XIX] und Damascener (De Fide Orth. II, 14) von „niederdrückender Trauer“ sprechen.
Ich antworte darauf, dass die Wirkungen der Seelenleidenschaften manchmal metaphorisch benannt werden, aufgrund einer Ähnlichkeit mit sinnlich wahrnehmbaren Körpern: aus dem Grund, dass die Bewegungen des sinnlichen Begehrens den Neigungen des natürlichen Strebens gleichen. Und auf diese Weise wird der Liebe Glut zugeschrieben, dem Vergnügen Ausweitung und der Trauer Niedergeschlagenheit (oder Beschwernis). Denn ein Mensch wird als niedergedrückt bezeichnet, wenn er durch irgendein Gewicht in seiner eigenen Bewegung gehindert wird. Nun ist aus dem oben Gesagten (Quaestio [23], Artikel [4]; Quaestio [25], Artikel [4]; Quaestio [36], Artikel [1]) ersichtlich, dass Trauer durch ein gegenwärtiges Übel verursacht wird: und dieses Übel drückt die Seele nieder, allein schon durch die Tatsache, dass es der Bewegung des Willens zuwiderläuft, insofern es sie daran hindert, das zu genießen, was sie genießen möchte. Und wenn das Übel, welches die Ursache der Trauer ist, nicht so stark ist, dass es einem die Hoffnung nimmt, es zu vermeiden, so behält die Seele, obwohl sie insofern niedergedrückt ist, als sie gegenwärtig das nicht ergreift, wonach sie verlangt, doch die Bewegung bei, um jenes Übel zurückzuweisen. Wenn andererseits die Stärke des Übels derart ist, dass sie die Hoffnung auf ein Entkommen ausschließt, dann wird sogar die innere Bewegung der betrübten Seele gänzlich gehindert, so dass sie sich weder hierhin noch dorthin wenden kann. Manchmal ist sogar die äußere Bewegung des Körpers gelähmt, so dass ein Mensch völlig betäubt wird.
Antwort auf Einwand 1: Jenes Aufrichten der Seele folgt aus der Trauer, die gemäß Gott ist, weil sie die Hoffnung auf die Vergebung der Sünde mit sich bringt.
Antwort auf Einwand 2: Was die Bewegung des Begehrens betrifft, so laufen Zusammenziehung und Niedergeschlagenheit auf dasselbe hinaus: weil die Seele, indem sie so niedergedrückt wird, dass sie nicht frei auf äußere Dinge achten kann, sich in sich selbst zurückzieht und sich gleichsam verschließt.
Antwort auf Einwand 3: Von der Trauer wird gesagt, dass sie den Menschen verzehrt, wenn die Kraft des betrübenden Übels derart ist, dass sie alle Hoffnung auf Entkommen ausschließt: und so drückt sie sowohl nieder als auch verzehrt sie zugleich. Denn gewisse Dinge, metaphorisch genommen, implizieren einander, die, wörtlich genommen, einander auszuschließen scheinen.