I-II, q. 37 a. 1
Ob der Schmerz die Kraft zum Lernen nimmt?
Quaestio 37 · Von den Wirkungen des Schmerzes oder der Traurigkeit.
Einwand 1: Es scheint, dass der Schmerz die Kraft zum Lernen nicht nimmt. Denn es steht geschrieben (Jes 26,9): „Wenn du deine Gerichte auf Erden hältst, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit“; und weiter unten (Vers 16): „In der Drangsal des Murrens war deine Unterweisung bei ihnen.“ Die Gerichte Gottes und die Drangsal aber verursachen Trauer in den Herzen der Menschen. Also vernichtet Schmerz oder Trauer die Kraft zum Lernen nicht, sondern mehrt sie.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Jes 28,9): „Wen soll er Erkenntnis lehren? Und wem soll er das Gehörte verständlich machen? Denen, die von der Milch entwöhnt, die von der Brust weggezogen sind“, d. h. von den Vergnügungen. Schmerz und Trauer aber zerstören das Vergnügen am meisten; denn die Trauer hindert alles Vergnügen, wie in Ethic. VII, 14 gesagt wird: und (Sir 11,29) heißt es, dass „die Betrübnis einer Stunde große Wonnen vergessen macht“. Daher nimmt der Schmerz die Fähigkeit zu lernen nicht, sondern steigert sie.
Einwand 3: Ferner übertrifft die innere Trauer den äußeren Schmerz, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [35], Artikel [7]). Der Mensch kann aber lernen, während er traurig ist. Umso mehr also kann er lernen, während er körperlichen Schmerz leidet.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Soliloq. I, 12): „Obwohl ich in jenen Tagen von heftigen Zahnschmerzen gequält wurde, vermochte ich in meinem Geist nichts anderes zu wälzen als das, was ich bereits gelernt hatte; was aber das Lernen von etwas Neuem betrifft, so war ich dazu ganz untauglich, weil es ungeteilte Aufmerksamkeit erforderte.“
Ich antworte darauf, dass, da alle Kräfte der Seele in der einen Wesenheit der Seele verwurzelt sind, es notwendigerweise geschieht, dass, wenn die Intention der Seele stark auf die Tätigkeit einer Kraft gezogen wird, sie von der Tätigkeit einer anderen Kraft abgezogen wird: denn da die Seele eine ist, kann sie nur eine Intention haben. Die Folge ist, dass, wenn eine Sache die gesamte Intention der Seele oder einen großen Teil davon auf sich zieht, alles andere, was beträchtliche Aufmerksamkeit erfordert, damit unvereinbar ist.
Nun ist es offensichtlich, dass der sinnliche Schmerz vor allem die Aufmerksamkeit der Seele auf sich zieht; denn es ist natürlich für jedes Ding, ganz darauf zu tendieren, das abzuwehren, was ihm zuwider ist, wie man sogar bei den natürlichen Dingen beobachten kann. Ebenso ist es offensichtlich, dass wir, um etwas Neues zu lernen, Studium und Anstrengung mit einer starken Intention benötigen, wie in Spr 2,4.5 deutlich gesagt wird: „Wenn du die Weisheit suchst wie Geld und nach ihr gräbst wie nach einem Schatz, dann wirst du die Lehre verstehen“ [Vulgata: ‚die Furcht des Herrn‘]. Folglich, wenn der Schmerz akut ist, wird der Mensch zu dieser Zeit daran gehindert, etwas zu lernen: ja, er kann so akut sein, dass der Mensch, solange er andauert, nicht einmal dem seine Aufmerksamkeit schenken kann, was er bereits wusste. Jedoch ist ein Unterschied zu beachten gemäß dem Unterschied der Liebe, die ein Mensch zum Lernen oder zum Betrachten hat: denn je größer seine Liebe ist, desto mehr wird er die Intention seines Geistes bewahren, um zu verhindern, dass sie sich gänzlich dem Schmerz zuwendet.
Antwort auf Einwand 1: Mäßige Trauer, die den Geist nicht abschweifen lässt, kann zum Erwerb von Wissen beitragen, besonders in Bezug auf jene Dinge, durch die ein Mensch hofft, von der Trauer befreit zu werden. Und so sind die Menschen „in der Drangsal des Murrens“ eher geneigt, von Gott belehrt zu werden.
Antwort auf Einwand 2: Sowohl Vergnügen als auch Schmerz hindern die Vernunft am Akt der Betrachtung, insofern sie die Intention der Seele auf sich ziehen, weshalb in Ethic. VII, 11 gesagt wird, dass „im Augenblick der geschlechtlichen Lust der Mensch nichts verstehen kann“. Dennoch zieht der Schmerz die Intention der Seele stärker an als das Vergnügen: so beobachten wir bei den natürlichen Dingen, dass die Wirkung eines natürlichen Körpers in Bezug auf sein Gegenteil intensiver ist; zum Beispiel ist heißes Wasser der Einwirkung der Kälte zugänglicher und gefriert folglich stärker. Wenn daher Schmerz oder Trauer mäßig sind, können sie akzidentell zur Erleichterung des Lernens beitragen, insofern sie ein Übermaß an Vergnügen wegnehmen. Aber an sich sind sie ein Hindernis; und wenn sie intensiv sind, verhindern sie es gänzlich.
Antwort auf Einwand 3: Äußerer Schmerz entsteht aus einer Verletzung des Körpers, so dass er eine körperliche Veränderung stärker mit sich bringt als innere Trauer: und doch ist letztere größer in Bezug auf das formale Element des Schmerzes, welches der Seele angehört. Folglich ist körperlicher Schmerz ein größeres Hindernis für die Kontemplation, die völlige Ruhe erfordert, als innere Trauer. Dennoch, wenn die innere Trauer sehr intensiv ist, zieht sie die Intention an sich, so dass der Mensch unfähig ist, etwas zum ersten Mal zu lernen: weshalb Gregor wegen der Trauer seinen Kommentar zu Ezechiel unterbrach (Hom. XXII in Ezechiel).