I-II, q. 36 a. 3
Ob das Verlangen nach Einheit eine Ursache der Trauer ist?
Quaestio 36 · Von den Ursachen der Trauer oder des Schmerzes
Einwand 1: Es scheint, dass das Verlangen nach Einheit keine Ursache der Trauer ist. Denn der Philosoph sagt (Ethic. x, 3), dass „diese Meinung“, welche die Sättigung für die Ursache der Freude und die Trennung [*Aristoteles schrieb {endeian}, 'Mangel'; St. Thomas las in der lateinischen Version 'incisionem'; hätte er 'indigentiam' lesen sollen?] für die Ursache der Trauer hielt, „ihren Ursprung in Schmerzen und Freuden zu haben scheint, die mit der Nahrung verbunden sind.“ Aber nicht jede Freude oder Trauer ist von dieser Art. Daher ist das Verlangen nach Einheit nicht die allgemeine Ursache der Trauer; da Sättigung zur Einheit gehört und Trennung die Ursache von Vielheit ist.
Einwand 2: Ferner ist jede Trennung der Einheit entgegengesetzt. Wenn daher Trauer durch ein Verlangen nach Einheit verursacht würde, wäre keine Trennung angenehm; und dies ist offensichtlich unwahr in Bezug auf die Ausscheidung dessen, was überflüssig ist.
Einwand 3: Ferner begehren wir aus demselben Grund die Verbindung mit dem Guten und die Entfernung des Übels. Aber wie die Verbindung die Einheit betrachtet, da sie eine Art Vereinigung ist, so ist die Trennung der Einheit entgegengesetzt. Daher sollte nicht das Verlangen nach Einheit, sondern eher das Verlangen nach Trennung als Ursache der Trauer gerechnet werden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Lib. Arb. iii, 23): „Aus dem Schmerz, den die stummen Tiere empfinden, ist ganz offensichtlich, wie ihre Seelen nach Einheit verlangen, indem sie ihre Körper beherrschen und beleben. Denn was ist Schmerz anderes als ein Gefühl der Ungeduld gegenüber der Trennung oder dem Verderben?“
Ich antworte darauf, Insofern das Begehren oder Verlangen nach dem Guten als eine Ursache der Trauer gerechnet wird, so müssen auch ein Verlangen nach Einheit und die Liebe als Ursachen der Trauer angesehen werden. Denn das Gute eines jeden Dinges besteht in einer gewissen Einheit, insofern jedes Ding die Elemente, aus denen seine Vollkommenheit besteht, in sich vereint hat; weshalb die Platoniker der Ansicht waren, dass das „Eine“ ein Prinzip ist, ebenso wie das „Gute“. Daher begehrt alles von Natur aus die Einheit, so wie es das Gute begehrt; und deshalb ist, so wie die Liebe oder das Begehren nach dem Guten eine Ursache der Trauer ist, auch die Liebe oder das Verlangen nach Einheit eine solche.
Zu Einwand 1: Nicht jede Art von Vereinigung verursacht vollkommene Güte, sondern nur jene, von der das vollkommene Sein eines Dinges abhängt. Daher verursacht auch nicht das Begehren nach jeder Art von Einheit Schmerz oder Trauer, wie einige behauptet haben; deren Meinung vom Philosophen durch die Tatsache widerlegt wird, dass Sättigung nicht immer angenehm ist; zum Beispiel, wenn ein Mensch bis zur Sättigung gegessen hat, findet er kein weiteres Vergnügen am Essen; weil Sättigung oder Vereinigung dieser Art dem vollkommenen Sein eher widerstrebt als förderlich ist. Folglich wird die Trauer nicht durch das Verlangen nach irgendeiner Art von Einheit verursacht, sondern nach jener Einheit, in der die Vollkommenheit der Natur besteht.
Zu Einwand 2: Trennung kann angenehm sein, entweder weil sie etwas entfernt, das der Vollkommenheit eines Dinges entgegensteht, oder weil sie eine gewisse Vereinigung mit sich bringt, wie etwa die Vereinigung des Sinnes mit seinem Gegenstand.
Zu Einwand 3: Die Trennung von schädlichen und verderblichen Dingen wird begehrt, insofern sie die Einheit zerstören, die geschuldet ist. Weshalb das Begehren nach einer solchen Trennung nicht die erste Ursache der Trauer ist, wohingegen das Verlangen nach Einheit es ist.